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Von "erkämpfter Freiheit" und "verspielter Freiheit" (im doppelten Sinne des Wortes) - oder "Was ist nur aus uns geworden?"
Eine Zeitreise von "Children of the Revolution" bis hin zum "Wind of Change" und darüber hinaus.

Essay zum Roman DACHBODENPIRATEN

essayMein im Jahre 1993 angesiedelter Roman spielt nicht ohne Hintergedanken zu einer Zeit vor 25 Jahren, welche den Mittelpunkt einer Entwicklung markiert, die irgendwo in den 1968er Jahren "offiziell" begann und nun, 50 Jahre später, zwar noch lange nicht zu Ende ist, wohl aber einer Zäsur bedarf.

Die Generation, die irgendwo Anfang der 1960'er Jahre das Licht der Welt erblickte, nahm bereits in ihrer Kindheit an sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen teil, wie es sie auf deutschem Boden, so noch nie gegeben hatte. Als Kinder wuchsen wir mit dem Sound der "Children of the Revolution" (Marc Bolan / T.Rex, 1973) auf, der gleichfalls als Hymne der 68'er Studentenunruhen galt. Diese Gegenbewegung zum bürgerlich konservativen Lebensstil ebnete uns einen Weg, der vielen Eltern unserer Zeit ein Dorn im Auge war und uns somit doppelt so sehr prägte.

Die Aufständischen von damals legten dabei die Finger in eine gesellschaftliche Wunde, die noch bis heute nicht verheilt zu sein scheint und wenn man genau hinschaut, eitert sie mittlerweile sogar bereits. Zu tief saß damals noch die Angst vor der Tatze des russischen Bären in den, vom Krieg gezeichneten Knochen unserer Eltern, und es verbot sich von selbst, auch nur ansatzweise einen Unterschied zwischen der befreienden Hippie-Bewegung und dem kommunistischen Iwan zu machen - beide galten als gleich verdorben ("Links" - im heutigen Sprachgebrauch auch gerne "linksgrünversifft") und wurden somit als Einheit verpönt.
Hinzu kamen die radikalen Auswirkungen dieser gesellschaftlichen Entwicklung, welche mit der Bewegung 02. Juni begann und sich später in der RAF bis hin zum "Deutschen Herbst" fortsetzte. Bilder und Erlebnisse, mit denen man groß wurde und auf die es zur damaligen Zeit für uns keine zufriedenstellenden Antworten gab. Das Internet war noch in weiter Ferne und so musste man sich der wenigen Informationen bedienen, die einem zur Verfügung standen... doch Fakenews und wilde Verschwörungstheorien gab es damals schon und sind nicht erst durch das Internet entstanden... die Heroisierung und Legendenbildung rund um die Todesnacht von Stammheim, mögen hier nur als ein Beispiel dienen, ohne dies jedoch inhaltlich bewerten zu wollen.

So fielen unserer Generation auch die ersten "erkämpften Freiheiten" unserer Vorgänger, nahezu in den Schoß und neben Hausbesetzungen, Friedensdemos, Wackersdorf, Gorleben, Startbahn West u.v.m. wurden plötzlich viele Dinge möglich, die zwar im Einzelnen ihr Ziel oft verfehlten, insgesamt aber für das Land und seine Entwicklung weithin prägend waren - im guten, wie im schlechten...

Die erste und zweite Generation der Wirtschaftswunderkinder teilten zu diesem Zeitpunkt noch eine Gemeinsamkeit: Ihrer beider Eltern hatten den Krieg erlebt und nicht wenige von ihnen waren daran nicht nur als Zivilpersonen beteiligt. Doch während die erste Generation ihre Eltern noch mit Fragen zu dieser Zeit und zu einer Stellungnahme zwangen, teils weil sie in ihrer Kindheit selbst in den Trümmern des Krieges großgeworden waren, war der Krieg für die zweite Generation bereits zeitlich viel zu weit weg, als dass sie diese Fragen ihren Eltern und Großeltern noch stellen mochten. Dies galt sicherlich nicht für alle, dennoch spielten wir bereits gemeinsam auf sauberen Spielplätzen und bessergestellte Kinder hatten sogar ihren eigenen Sandkasten im heimischen Garten.

So durften wir uns einer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung erfreuen, die uns immer weiter in der Überzeugung großwerden ließ, dass all diese schrecklichen Ausuferungen des Naziregimes, nun ein für alle Mal vorbei wären und sich niemals wiederholen würden - am allerwenigsten auf deutschem oder europäischen Boden. Daher verstummten mehr und mehr die Fragen nach der Vergangenheit unserer Eltern und Großeltern und wir wandten uns der Gegenwart zu.
Doch wie falsch dieser Traum war, erleben wir heute am aufkeimenden Rechtspopulismus, an den Flüchtlingsströmen, die unser Land erreichen, aber auch an den generellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen.

Dank der Medien und des Konsums, sowie einer für jede Situation bereits vorgefertigten App, die wir nur bedienen müssen, ohne uns über deren wahren Hintergrundfunktionen im Klaren sein zu müssen, haben wir uns in diesen Jahren freiwillig, wesentlichen Überlegungen und Fähigkeiten unseres Lebensalltags und -Umfelds entledigt, die jedoch existenziell für uns Menschen, wie auch für uns als Gesellschaft sind. Wie auch zuvor bereits das Fernsehen, sorgte das Internet hierbei dafür, dass die Schlauen schlauer und die Dummen dümmer wurden - dies aus dem einfachen Grund heraus, da sich jede Gruppe nur innerhalb ihres eigenen Spektrums unterhält und informiert - im Fachjargon der heutigen Zeit dient hier der Begriff "Filterblase". Die Gefahr, dabei als schlauer Mensch zu verblöden, ist hierbei übrigens ungleich größer, als zu unerwarteter Intelligenz zu gelangen, doch dies nur als Randbemerkung.
So wurden wir ausnahmslos Abhängige eines vernetzten und digitalen Systems, welchem sich heute in unserer westlichen Zivilisation niemand mehr entziehen kann und dessen Allgegenwärtigkeit uns in jedem Lebensbereich weitaus mehr im Griff hat, als sich dies Orwell in seinem Roman "1984", je träumen ließ.

Unser Leben ab Mitte der 1990er Jahre wurde mehr und mehr bestimmt durch die Ablenkung computergesteuerter Erlebniswelten, Steigerung der Arbeitskapazität und -Effizienz, sowie durch wachsenden Finanz- und Leistungsdruck einer globalisierten Welt, die wir uns damals ganz anders als solche vorgestellt und auch gewünscht hatten.
Vor lauter selbstgerechten Blick auf die eigenen Befindlichkeiten und die bloße Unterhaltung unserer selbst, verloren wir dabei mehr und mehr ein Auge für überregionale Zusammenhänge, den Glauben an Politik und deren Vertreter/innen sowie an die Überzeugung, allein, gemeinsam oder solidarisch, etwas an all dem ändern zu können. Auch die Vielfältigkeit analoger Gedankenkonzepte folgten dem Zeitgeist der Digitalisierung und ließen uns mehr und mehr in binären Weisheiten denken, in denen nur noch zwischen gut und böse, oben oder unten, links oder rechts sowie schwarz oder weiß unterscheiden wurde. Die Grauzonen verlagerten sich dagegen mehr und mehr in Richtung Politik- und Finanzwelt.

Irgendwann in dieser Zeit, in der auch der Roman DACHBODENPIRATEN spielt, beginnt der Begriff "verspielte Freiheit" seine Bedeutung zu verändern!

Während wir in unserer westlichen Zivilisation auf den Trümmern der letzten Kriegsrelikte in Form der Berliner Mauer sangen und tanzten, sowie im Verfall der Ostblockstaaten, eine unumkehrbare Entwicklung zu einer freieren und offeneren Weltgemeinschaft sahen, verloren wir den Blick für die möglichen Folgen dieser Entwicklung. Es waren Tage, Wochen, Monate und Jahre voller Hoffnung auf eine Zeitenwende, die nur eine Richtung vorgab: nach vorne. Der zu dieser Zeit allgegenwärtige "Wind of Change" der Hannoveraner SCORPIONS wehte dabei wie eine musikalische Hommage an die Kinder der Revolution um unsere Ohren, doch die Freude über den scheinbar gewonnenen Kampf, war nur von kurzer Dauer.

Der westliche Kapitalismus verlor in jenen Jahren seinen schärfsten Gegner und musste sich fortan nicht mehr selbst unter Beweis stellen. Noch viel weniger, war er irgendwem irgendetwas schuldig (hier darf getrost auch das Gegenteil behauptet werden und es bleibt dennoch richtig) und begann sich wie ein bösartiges Geschwür hemmungslos und unabdingbar auf dem Planeten zu verbreiten. Nichts blieb dabei verschont und sollte es eine berechtigte Kritik daran geben, so sorgte anstelle vormals angewandter Strategien wie Niederschlagung und Unterdrückung, nunmehr ein nicht enden wollendes Stakkato an Medien-, Reiz- und Konsumüberflutung dafür, alle auf diesen Kurs einzuschwören (Niederschlagung und Unterdrückung werden zwar vielerorts immer noch als probates Mittel eingesetzt, doch dient dies heutzutage vielmehr als Vorbereitung, zum Aufbau einer zukünftig zahlungsfähigen Käuferschicht). Ja selbst die Menschen, die in China auf dem Tian’anmen-Platz demonstrierten, wurden im Nachhinein mit der Öffnung der Märkte und einem Mehr an Konsumgütern vordergründig beruhigt, in Wahrheit aber mundtot gemacht, wenn nicht sogar gleich hingerichtet.

Das sich zeitgleich verbreitende heilige Versprechen, dass eine international vernetzte Kommunikation auch die Menschen näher zusammenwachsen ließ, wischte dabei sämtliche Vorbehalte vom Tisch. Wie auch hätte man sich dem verwehren können, denn das Internet entwickelte sich anfangs anarchisch und solange Konzerne und Kapitalanleger diesem Medium fern blieben, besaß es tatsächlich die schöpferische Energie des weltlichen Kollektivs, miteinander ungezwungen und frei zu kommunizieren. So waren mitunter selbst linke Aktivisten, die noch Ende der 1980'er Jahre aus Datenschutzgründen in Deutschland gegen die Volkszählung auf die Straße gingen, nunmehr völlig hemmungslos bereit, sich all ihrer persönlichsten Daten im Internet zu entledigen, denn dort verspürte man anfangs dieselben Freiheiten, wie man sie auch in der 68'er Bewegung erlebt hatte - nur eben digitaler.

Doch dachten dabei nur wenige darüber nach, dass dies vielleicht eines Tages dazu führen könnte, dass aus dieser digitalen Welt auch irgendwann reale Menschen, reale Probleme oder reale Kriege, bis hin zu daraus resultierenden Völkerwanderungen entstehen könnten. Getreu dem Credo, dass es nur nach vorne gehen würde und uns die Digitalisierung allen nur Gutes bescheren würde, waren wir uns über die möglichen Negativfolgen nicht im Klaren. Als dann schlussendlich die Großkonzerne und Nachrichtendienste weltweit die Kontrolle und die Überwachung sämtliche Netzaktivitäten übernahmen, war es schließlich auch mit der digitalen Revolution vorbei und sie stand fortan nur noch zu Kommerzialisierungszwecken zur Verfügung. Ähnlich, wie sich ein T-Shirt von Che Guevara heute in jeder Boutique kaufen lässt. Che Guevara? War das nicht der Typ, der die Blue Jeans erfunden hat?

Die ganze Entwicklung jetzt dezidiert zu analysieren, würde dem Anspruch dieses Textes nicht gerecht, der eigentlich nur versuchen möchte, über den Roman DACHBODENPIRATEN eine Brücke zwischen der 1968er Bewegung zur heutigen Zeit zu schlagen.
Die Frage, die dabei im Mittelpunkt steht, ist, was können wir noch aus der Zeit vor 25 Jahren lernen, welche meines Erachtens nach, einen Wendepunkt in der gesellschaftlichen Entwicklung dieses Landes markiert.
Viele der vermeintlichen Erfolge, die uns als Gesellschaft seitdem widerfahren sind, haben sich nicht als das erwiesen, was man uns anfangs vorgab zu glauben und es stellt sich mehr und mehr dabei heraus, dass dies keinesfalls unbewusst oder gar zufällig so geschah. So zeigt sich z.B. dass der sog. "freie Welthandel" nicht den Namen verdient, sondern letztlich nur denen zum Vorteil gereicht, die diesen Markt beherrschen und ihn für sich auszubeuten wissen. Die einstmals damit in Verbindung gebrachte freie Welt- und Wertegemeinschaft war und ist nur eine Illusion, die wir uns aufrecht erhalten und nicht mal in der Lage bereit sind zu hinterfragen, selbst wenn wir uns beispielsweise bei einem Ägyptenurlaub, nur noch hinter gesicherten Hotelmauern und Stacheldraht, vor den wahren Einwohnern Ägyptens in Sicherheit fühlen.

Was wir aus dieser Zeit vor 25 Jahren und insbesondere davor, noch lernen können, sind subversive Widerstandsformen, die es heute kaum mehr zu geben scheint. Um diese anzuwenden, bedarf es allerdings auch eines Solidaritätsverständnis, welches uns mehr und mehr abhanden gekommen ist, weil sich die Probleme mit denen wir uns befassen, meist nur um uns selber kreisen und der familiäre wie gesellschaftliche Zusammenhalt an Wertigkeit verlor.
Das weltweite politische Klima hat sich zudem in den letzten 25 Jahren rasanter geändert denn je. Noch nie waren dynamische Prozesse und Umwälzungen gleich welcher Art, jemals in der Menschheitsgeschichte so schnell in Bewegung geraten. Die Frage scheint berechtigt, ob die Menschen überhaupt dem technologischen Fortschritt und der zunehmenden Digitalisierung ihrer Lebenswirklichkeit, Kraft ihrer eigenen Physis und Psyche noch folgen können.

Der Roman ist daher im Wesentlichen auch nochmal eine Rückbesinnung auf die Methoden, mit denen man sich damals zur Wehr setzte und wie man gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit, für mehr Arbeitnehmerrechte und gegen nationalistische Tendenzen, sowie gegen institutionalisierte Unterwerfung (Hartz IV) vorging.
Nun sind viele der damals praktizierten Lösungen heute so nicht mehr anwendbar oder aufgrund der allgemeinen Informationsüberflutung überstrapaziert. Jedoch ist der kreative Geist dieser Zeit erneut gefragt, um sich gegen Missstände Allerortens zu wehren. Dabei gilt es, die Widersprüchlichkeit unseres Handelns im Gegensatz zu unseren Überzeugungen aufzudecken und dies insbesondere bei uns selbst immer wieder neu zu hinterfragen, bevor wir es bei anderen tun.

Zwar sind die Widerstandsformen jener Zeit, in der Geschichte der DACHBODENPIRATEN, nur am Rande und nur in Form von Erinnerungen darin eingebaut, denn der Roman selbst ist neben einer Liebesgeschichte mehr als eine Hommage an die Handwerker jener Zeit gedacht. Nichtsdestotrotz lohnt es sich davon inspirieren zu lassen und an die ehemaligen Wege anzuknüpfen.
Doch auch wie jemand, der mit diesen Erfahrungen groß geworden ist, sich eines Tages vor die Frage gestellt sieht, wie er diesen Weg im Leben weiter beschreiten kann, ohne dabei seine Überzeugungen zu verlieren, spielt darin eine Rolle.
Gerade diejenigen, welche an einem ähnlichen Punkt im Leben waren oder sind, dient dieser Roman einmal mehr als Gedankenanstoß, wann und wie man selbst für sich entscheidet, einen neuen Kurs einzuschlagen und wie man seine eigene Vergangenheit, damit in Einklang bringt. Hierbei soll eine Brücke zu der heutigen Generation an Leuten entstehen, die sich ihrerseits und mit ihren eigenen Mitteln und Wegen gegen die zunehmende Ungleichheit in unserer Gesellschaft einsetzen. Ihnen soll unsere Aufmerksamkeit und Solidarität gelten, denn auch unsere Erfahrungen können hierbei selbst heute noch nützlich sein.

So sprengt im Roman der Protagonist, eine dieser unsäglich konspirativen Hausbesetzerdiskussionen in den 1980er Jahren, mit der ketzerischen Frage "Darf man sich Geld bei der deutschen Bank leihen, um eine Bombe zu basteln, die man daraufhin in die Deutsche Bank hineinwirft?"
Denkt man diese Frage weiter und verlagert sie in unsere heutige Lebenswirklichkeit, so bekommt man Angst bei dem Gedanken, dass nunmehr gegenläufige politische Strömungen den Kern dieser Frage für ihre Zwecke missbrauchen: "Darf man alle Mittel der Demokratie nutzen, um diese selbst am Ende abzuschaffen?". Sinngemäß kommt dies dem Leitartikel "Der Angriff" Goebbels gleich, der im "Völkischen Beobachter" am 30.04.1928 erschien.

"...Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahm zu legen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre Sache… Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. Wenn es uns gelingt, bei diesen Wahlen sechzig bis siebzig Agitatoren und Organisatoren unserer Partei in die verschiedenen Parlamente hineinzustecken, so wird der Staat selbst in Zukunft unseren Kampfapparat ausstatten und besolden… Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir...“

Angesichts der Wahlerfolge der AfD  sollten uns diese Worte zu denken geben und insbesondere diejenigen aufhorchen lassen, die eben jener Generation angehören, die noch in ihrer Jugend gegen den aufkommenden (und ewig präsenten) Faschismus auf die Straße gegangen sind.
Wer sich also immer fragte, wie es jemals zu einer solch schrecklichen Entwicklung in unserem Land nur kommen konnte, lebt gerade jetzt in einer Zeit, wo er diese genauestens verfolgen kann. Um also auch die Kinder der digitalen Revolution davor zu bewahren, eines Tages ihren Nachkommen die Frage beantworten zu müssen, "wie es denn zu all dem gekommen sei", müssen wir handeln!
Wir, deren Elterngeneration, müssen uns mit der heutigen Jugend, die wieder (oder immer noch) gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auf die Straße geht, solidarisieren und die Komfortzone rund um das heimische Sofa zu verlassen. Jedoch sollte es mehr sein als der Weg zum Computer, um durch ein "Like" oder eine unterschriebene Onlinepetition, seine Solidarität zu bekunden. Eine analogere Widerstandsform sollte wieder Einzug in unser aller Leben erhalten.


Der Blick in die Vergangenheit, soll kein rückwärtsgewandter sein. Eine "Früher war alles besser"-Mentalität ist eine Illusion und ein Armutszeugnis all jener, die daran glauben, denn sie scheinen im Hier und Jetzt ihren Platz nicht finden zu können. Doch ihnen allein dafür die Schuld zu geben, wäre ebenso vermessen, denn wir alle sind an diesen Prozessen beteiligt, jede/r einzelne.
Und deswegen können auch wir nur alleine es auch ändern und dürfen uns nicht einerseits darauf berufen, dass wir innerhalb demokratischer Wahlen unsere Stimme abgeben und damit glauben, alles getan zu haben. Andererseits aber bei innerdeutschen, europäischen oder auch geopolitischen Ereignissen behaupten, dass man da "als Einzelner ja nichts gegen unternehmen kann". Das Prinzip ist dabei identisch, ob man seine Stimme abgibt oder als Einzelner etwas unternimmt, von dem man glaubt, dass es zu etwas Positiven führt. Zwar mag man den Erfolg nicht direkt verspüren und vielleicht ist es gerade das, was es einen so schwierig macht, diese Vorgehensweise konsequent zu verfolgen, weil wir darauf getrimmt sind, immer ein direktes Feedback für unser Handeln zu erhalten.
Aber letztlich ist jeder Einzelne von uns mit dafür verantwortlich und Teil dessen, was um uns herum passiert. Die Entscheidung, ob seltene Erden unter unmenschlichen Bedingungen am anderen Ende der Welt geschürft werden, fällt am Tresen des Technikmarktes oder bei der Wahl des Handyvertrags im Internet. Ob Kinder unter qualvollen Lebensumständen Textilien fertigen, ist ein Prozess, den man mit dem Kauf eines T-Shirts beim Discounter billigend in Kauf nimmt, wobei das Wort "billigend" bereits den Grund selbst offenbart. Denn den Unterschied zwischen "billig" und "günstig" sind wir seit Langem nicht mehr in der Lage zu erkennen. Dies zeigt uns unser Konsumverhalten tagtäglich nur allzu deutlich und beginnt nicht erst spätestens beim Griff zur Ananas oder Avocado im Supermarkt, sondern schon beim Betreten desselben, denn an Alternativen zum Discounter mangelt es in unserem Lande nicht.

Wie aber finden wir zurück zu den Wurzeln dieser Zeit und ihrer Methodik des Widerstands? Wir neigen leider durch zu viel gespielte Computerspiele dazu, auf den zuletzt abgespeicherten Status (Spielstand) zurück zu switchen, um von dort an den Weg neu zu beschreiten, dessen Gefahren wir ja aufgrund des fortgeschrittenen Spielverlaufs bereits kennen. Aber das Leben ist nun mal kein Computerspiel und um erfahren zu können, an welchem zuletzt gespeicherten Spielstand wir die falsche Richtung eingeschlagen haben, bleibt uns nichts weiter übrig, als den ganzen Weg gedanklich zurückzugehen. Ein "Gehe zurück auf LOS" gibt es in der analogen Welt nun mal nicht und das ist auch gut so.

Der Roman DACHBODENPIRATEN, mag hierbei nur Mittel zum Zweck sein. Die Erinnerung an eine Zeit, in der man sich noch vielmehr mit den Themen selbst auseinandersetzte, anstatt sie ihrer selbst willen nur zu konsumieren. Eine Liebesgeschichte für die einen, eine Zeitreise in die Hannoveraner Szene von 1993 für andere. Für alle jedoch eine Begegnung mit der Vergangenheit und einer sich bietenden Möglichkeit, nochmal in diese einzutauchen und sich an seine eigenen Erfahrungen und Entscheidungen jener Zeit zu erinnern. Vielleicht auch eine kleine Inspiration, einige gute Eigenschaften jener Zeit, heute wieder aufleben zu lassen, solange es uns noch möglich ist.



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