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BEI JACQUELINE

Ralf war immer pünktlich BEI JACQUELINE. Das war in seiner Szene nicht unbedingt selbstverständlich. Diese bestand aus einem Haufen bunt zusammengewürfelter Gelegenheitshandwerker. Keine richtigen Handwerker, wie man sie von gewöhnlichen Baustellen her kannte, eher Bastler, Fummler und Kleinkünstler. Darunter viele mit einer bewegten Vergangenheit. Eine Mischung aus ehemaligen oder noch aktiven Hausbesetzern, Autonomen und sonstigen Lebenskünstlern. Einige die eine abgebrochene Handwerkerlehre vorweisen konnten, wieder andere sogar mit einer abgeschlossenen Karriere als Drogendealer.
Die Rote Arbeiter Front, wie Ralf sie gerne nannte, war im Vergleich zu ihrer konservativen Konkurrenz, im Alltagsbild des Hannoveraner Stadtteils Linden, nur unschwer zu übersehen. Letztere erkannte man meist schon von Weitem an ihrem Blaumann oder der Latzhose, wogegen man selbst meist in denselben Klamotten arbeitete, mit denen man auch abends durch die Kneipen zog. So gesehen zählte man in der Servicewüste Deutschlands zu den ersten Handwerkern, die rund um die Uhr in Bereitschaft waren und es kam nicht selten vor, dass eine Sauftour jäh durch einen schnellstens zu behebenden Wasserrohrbruch oder einen Stromausfall unterbrochen wurde. Im günstigsten Falle ereignete sich sowas just in dem Laden, in dem man sich gerade befand.

Schon beim Betreten des Ladens BEI JACQUELINE fühlte sich Ralf unter seinesgleichen. Leser die noch mit dem Sponti-Aufkleber "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben" etwas anfangen können, genießen hier einen eindeutigen Wissensvorsprung. Es war eine selbst zusammengestellte Familie aus den menschlichen Zutaten, die der Stadtteil Linden so zu bieten hatte. Leute, die sich nicht gleich morgens ihre BILD-Zeitung und ein paar Bier am Kiosk abholten, sich an der Fleischertheke am Schritt kratzen, und anderen mit ihren Ansichten über Autospoiler, Titten und Fußballergebnisse auf die Nerven gingen. Sie bestand vielmehr aus einer unheiligen Mischung von Gelegenheitsarbeitern und selbsternannten Handwerkern, welche über die unruhigen Wogen der Zeit, letztlich hier gestrandet waren. Dabei führte sie ihr weiter Weg hierhin, vorbei an den Gestaden der 68'er Studentenunruhen, durch die Meeresenge der Friedensbewegung, bis hin über das Kap der Guten Wiedervereinigung. Nicht zuletzt die musikalische Begleitung jener bewegten Zeiten, mit Punk, Rock und schließlich der Neuen Deutschen Welle, machte diese lange Reise erträglich und äußerlich geprägt, durch die Folgen eines unsteten Lebenswandels, waren sie zudem mit Erfahrungen ausgestattet, wie man sie nur durch dem Konsum von harten und weichen Drogen erlangt. Helden der Arbeit für die einen, verwahrloste Penner, Sozialschmarotzer und nutzlose Tagediebe für andere.

Anstelle der BILD-Zeitung las man hier die Berliner TAZ und die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), so man nicht gerade eines der zahlreichen herumliegenden Flugblätter, die von irgendeiner Demo ihren Weg hierhin gefunden hatten, überflog. Da die HAZ jedoch durch die Hände aller hier Anwesenden ging, war die Wahrscheinlichkeit gering, auch mal den Sportteil, oder gar denjenigen mit den Kleinanzeigen und Wohnungsangeboten, in die Finger zu kriegen. Wer es sich leisten konnte, hatte auch ab und an den, monatlich in Hannover erscheinenden, SCHÄDELSPALTER zur Hand und behielt ihn auch meist darin, denn so etwas konnte in den Untiefen des Ladens leicht verloren gehen.
Somit waren die Besitzverhältnisse der jeweiligen Tagesausgaben meist mehr als unklar. Sollte man also selbst einmal eine Zeitung mit hier hinbringen, galt es daher als eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit, diese mit allen zu teilen, und sich jeder die entsprechenden Zeitungsseiten herausnahm, die ihn interessierten, so sie nicht bereits vergriffen waren. Man musste also vor allem schnell sein.
Auch Ralf hatte eine abgebrochene Tischlerlehre hinter sich und passte somit bestens in den hier vertretenen Kreis gescheiterter Existenzen. Es lag nicht daran, dass ihm der Beruf damals keinen Spaß gemacht hatte. Es war eher das Arbeitsklima, welches ihm fürchterlich auf die Nerven ging. Sein Vater war, bis zu dessen Tode, Architekt und so hatte Ralf schon seit seiner Jugend immer etwas mit Baustellen zu tun gehabt, bei denen er meist sein Taschengeld aufgebessert hatte. Doch sowohl dort, als auch während seiner Lehrzeit, geriet er schon früh mit den so genannten Polieren oder Werkstattleitern aneinander, welche sich meist als übelriechende Großmaulhelden hervortaten. Männer "der alten Schule", welche noch den Drill der Nazizeit verinnerlicht hatten und Anweisungen stets herausbrüllten, damit es keine Zweifel an ihrer Richtigkeit gab, so unsinnig sie auch waren. Dabei galt es die Lehrlinge grundsätzlich mit den niedrigsten Arbeiten zu beschäftigen, wobei die Beschaffung von Bier und Mariacron für den Eigenbedarf, die Spitze der verantwortungsvollen Tätigkeiten darstellte.

Nachdem er eines Tages erneut von seinem Vorgesetzten zwecks Alkoholbeschaffung losgeschickt wurde, das Geld stattdessen aber ausgab, um die Baustellenbelegschaft damit zu versorgen, war seine offizielle Lehrzeit am Bau vorbei. Das was er danach noch zum Leben brauchte, hatte er sich selbst irgendwie über die Jahre und durch eigene Erfahrungen beigebracht. So gesehen ein Autodidakt, wie fast alle hier, die morgens BEI JACQUELINE herumsaßen.
Unter seinen Kollegen und Kumpels trieben sich auch einige Biker herum, sowie ein paar Jungs mit einer dubiosen Vergangenheit, die man tunlichst vermied, näher zu hinterfragen. Auch mehrere Hochschulabsolventen und Industriedesigner, die gerade mal einen Job zum über die Runden kommen brauchten, waren darunter. Doch die meisten waren nicht wirklich drauf aus, sich lange mit dem Bauhandwerk zu beschäftigen. Zwei, drei Monate durcharbeiten, dann irgendwohin fahren, wo es einerseits warm- und andererseits weit genug weg von Hannover war, um dann irgendwann wieder völlig abgebrannt zurückzukommen und das Spiel von vorne zu beginnen. Manche nutzten die Zeit, um die Semesterferien irgendwie lukrativ durchzuarbeiten, damit sie sich das Studium leisten konnten. Andere einfach nur, um das tägliche Leben und ihre exzessiven Kneipenächte finanziert zu bekommen. Trotz aller Vorbehalte hätte man fast niemanden hier vorwerfen dürfen, zu faul zum Arbeiten zu sein - es war einfach nur das System, dem sich diese Leute nicht unterwerfen wollten und in dem sie eine Lücke suchten, ihre Freiheit mit der Notwendigkeit des Geld Verdienens zu verbinden.

Man traf sich immer morgens gegen acht Uhr dreißig BEI JACQUELINE gleich an der Limmerstraße. BEI JACQUELINE war ein gemütliches, italienisches Frühstückscafé. Ganz eng verhaftet mit dem Charme heruntergekommener, italienischer Autobahnraststätten der Siebzigerjahre, wo es morgens belegte Ciabatta-Brötchen mit echter italienischer Salami, Tomate-Mozzarella oder Parmaschinken gab. Dazu durchströmte das Lokal der Duft von frisch gemahlenen Espresso, durchsetzt mit dem Rauch zahlloser Tabaksorten, welche fast ausschließlich aus blauen Plastikbeuteln stammten, die hier überall verstreut auf den Stehtischen, in greifbarer Nähe ihrer jeweiligen Besitzer herumlagen. Wem nicht der Koks den Geruchssinn zerstört hatte, konnte sogar in den kurzen Momenten, in denen sich der Eingang öffnete, etwas von den jahreszeitlichen Eindrücken riechen. Diese waren in diesem Teil der Stadt immer mit dem Gestank von Auspuffgasen, der um die Ecke liegenden Hauptverkehrsader, versetzt und Sogesehen rundete dies das Bild der Stazione Servizio an den italienischen Autostradas stimmungsvoll ab.

Ähnlich wie das Brötchenangebot am Tresen, so war auch das Publikum BEI JACQUELINE täglich gemischt, wirkte aber weniger frisch. Oft sah man hier bekannte Gesichter aus der Szene. Einige davon hatten gar nicht erst das Bett der letzten Nacht, so sie denn überhaupt eins hatten, gesehen, sondern waren gleich morgens hier aufgeschlagen, nachdem wohl die letzte Bar geschlossen hatte. Ein paar Handwerker aus den umliegenden Betrieben waren hier anzutreffen und natürlich ein paar Lindener Stadtteilbewohner, die es für kultig hielten, hier zu frühstücken. Meist waren welche vom Rundfunk oder der Zeitung darunter, manchmal auch einige Lehrer oder Pädagogen, die hier am Morgen versuchten, ihren abgeblätterten Putz, an der Fassade der Verwegenheit, dadurch aufzupolieren, dass sie sich hier unter die Szene mischten.
Insgeheim belächelte Ralf diese Typen mit ihren komischen Designerbrillen, die sie bis tief auf die Nase heruntergezogen hatten und dabei über deren Gläser hinweg blickend, den Eindruck erweckten, als repräsentieren sie hier die intellektuelle Speerspitze des Stadtbezirks. Offenbar brauchten sie dieses erhabene Gefühl, wie andere Menschen frisch aufgeschäumten Latte macchiato am frühen Morgen, um sich ihren öden Büroalltag auszuschmücken. Solche Leute waren ihm schon zu seiner damaligen Zeit in der Anti-AKW Bewegung immer suspekt gewesen, doch letztlich saßen sie hier auch nur in ihren kleinen elitären Grüppchen herum und die einzigen Berührungspunkte waren, der rege Warenhandel an Tageszeitungen und Tabakbeutel.

Er sah sich kurz im Laden um, erkannte hier und da ein paar Gesichter, grüßte beiläufig welche davon und stellte sich an den Tresen. Dort waren gerade drei der hier ständig arbeitenden Italiener damit beschäftigt, dem morgendlichen Andrang Herr zu werden, was sie wie immer ruhig und souveränen taten, ohne sich von der Hektik anstecken zu lassen. Das hatte Charme, das hatte Stil und es machte auch niemandem hier etwas aus, wenn alles ein wenig länger dauerte. Dafür war hier alles immer frisch zubereitet und schmeckte vorzüglich. Er bestellte sich einen "Latte M" und setzte sich auf einen der vielen Barhocker, um auf seine Kollegen zu warten. "Latte M" war natürlich nur eine Abkürzung und in seinem gesamten Handwerkerumfeld, das morgendliche Kultgetränk schlechthin. Espressotrinker galten dagegen eher als elitär und wer tatsächlich nur einen stinknormalen Kaffee bestellte, fiel sogar gänzlich aus der Rolle.
Um ihn herum hatte bereits ein geschäftiges Treiben eingesetzt und es konnte atmosphärisch mit dem regen Handel an einer internationalen Börse mithalten. Hier wurden im Laufe eines jeden vormittags Preisabsprachen getroffen, gebrauchte Werkzeuge an- und verkauft, Baupläne und Verträge gesichtet und Fahrzeuge ver- und gemietet. Wer es sich leisten konnte, Jobangebote des Arbeitsamtes auszuschlagen, und damit seine nebenher kassierte Arbeitslosenhilfe aufs Spiel zu setzen, fand hier unter seinesgleichen, bestimmt immer eine Arbeit, die einen für die nächsten Wochen irgendwie über Wasser hielt.

Eddie und Klaus kamen kurze Zeit später. Klaus war Elektriker, zumindest hatte er es mal gelernt, aber eben nicht zu Ende. Er verkabelte zwar ganze Häuser, musste sich aber für die Inbetriebnahme immer einen Elektromeister hinzuziehen, der ihm seine Schaltschränke offiziell genehmigte. Ansonsten konnte er sie nicht richtig anmelden und dann gab es keinen Strom von den Stadtwerken. Doch Klaus fand immer einen in der Szene. Meist erledigte dies ein ehemaliger Elektromeister, gleich bei ihm um die Ecke. Die übliche Entlohnung hierfür war dabei meist eine Mischkalkulation aus Geld, günstigen Baustoffen und Dienstleistungen aller Art, sowie jede Menge Bier. Dies waren hier überall anerkannte, probate Zahlungsmittel und wechselten selbstverständlich schwarz wie ein Espresso, die jeweiligen Besitzer.

Klaus war einundvierzig und somit auch der Senior unter ihnen. Ein echtes Nordlicht und hätte man mehr über seinen allabendlichen Alkoholkonsum in Erfahrung bringen können, würde man vielleicht das gebührende Vertrauen in seine Elektroarbeiten verlieren. Doch man konnte sich auf Klaus immer verlassen. Das war wichtig. Klaus war ein echter Verdrahtungskünstler und liebte es, auf schmutzigen Baustellen herumzustehen und endlose Kabelbäume zu einem ordentlichen Elektroschrank zusammenzuführen. Witziger weise trug er auf seinem roten, leicht vernarbten Gesicht, recht kurze, aufrecht stehende blonde Haare, was ihm den Ruf einbrachte, ständig unter Strom zu stehen. Je nach Auslegung dieses Sprichwortes, war dies auch nicht ganz verkehrt. Ob allerdings sein Vorname, der Alkoholkonsum oder seine nordische Natur es letztlich waren, die ihm den Spitznamen "Störtebeker" eingebracht hatten, wusste er selbst auf Nachfrage, nicht eindeutig zu beantworten. Er hatte diesen Spitznamen schon seit seiner frühen Jugend, in der er Mitglied einer Motorradclique war, und ihn seit dem auch nicht mehr abgelegt. Allerdings fand dieser Name auch nur gelegentlich Verwendung, so wie es gerade passte, Klaus/Störtebeker hörte auf beide Namen und sowohl sein ausgeglichenes Temperament, sowie seine Besonnenheit ließen ihn, anders als seinen ehemaligen Namensvetter, niemals und zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise kopflos erscheinen.

Klaus winkte Ralf kurz zu und verschwand gleich am Tresen, während Eddie zu Ralf an den Stehtisch herüberkam.
>>Ahoi Ralf<<, sagte er und hob die Hand zum Gruß.
>>Ahoi Eddie, alles klar?<<
>>Muss ja, was?<< sagte Eddie, und das war mehr oder weniger das, was Ralf jeden Morgen von ihm zu hören bekam.
Ralf war kein großer Freund dieser alltäglichen Begrüßungsformeln. Wer „Muss ja!“ Sagt, der kann doch eigentlich gleich zuhause bleiben. Das klingt so, als hätte man bereits alles an den Nagel gehangen und warte nur noch darauf, dass die Lebensuhr langsam abläuft. Wenn alles nur nach dem „Muss ja!“-Prinzip laufen würde, gäbe es ja überhaupt keinen Spaß mehr am Leben. Doch da tat er Eddie im Gedanken unrecht. Eddie war ein Lebenskünstler und dabei jemand, den man allein wegen seiner ganzen Storys, die er in seinem Leben erlebt hatte, gern haben musste. Wie viele von seinen Geschichten dabei wirklich wahr waren, konnte man allerdings nie so genau wissen. Nicht dass er prahlerisch Geschichten erfand, eher der Umstand, dass ein exzessiver Alkoholkonsum das Erlebte nur noch vage nachvollziehbar machte, war dafür der Grund. Auch waren mutmaßlichen Zeitzeugen dann doch nur einige Mittrinker des Vorabends, sodass sich die Geschichten oftmals einer genaueren Überprüfung entzogen, was auch manchmal besser war.
Seinen eigenen Erzählungen nach, war er auch schon ein in die Jahre gekommener Hippie, mit einer bewegten Vergangenheit. Irgendwo groß geworden zwischen Autokonvois, die auf staubigen Landstraßen in Richtung Mali fuhren, herunter-gekommenen Wohngemeinschaften und verqualmten Kneipen.
>>Bestellt Klaus für dich mit? Dann kann er mir doch auch gleich was mitbringen?<< fragte Ralf.
>>Ja, Störtebeker holt Brötchen und Latte M. Sag’ ihm doch noch Bescheid<<
>>He, Klaus!<< rief Ralf durch den Laden >>Bringst du mir noch ein Parmabrötchen und noch einen Latte M mit?<<
>>Geht klar Alter!<< rief Klaus zurück, winkte freundlich mit der Hand zu Ralf und lächelte. Kurze Zeit später waren alle drei am Stehtisch versammelt und Klaus verteilte die für ihn, Eddie und Ralf erstandenen Brötchen und Getränke.
Es war angenehm, dass man beim Frühstück nicht über das Geld sprach. Irgendwie war es immer klar, dass man für die anderen mit bezahlte. Mal der eine, mal der andere. Das glich sich über die Zeit schon irgendwie aus und niemand hatte das Gefühl, dabei übertölpelt zu werden. Klar war auch, dass der Kapitän ihrer Truppe, diesem Brauchtum einmal mehr nachzukommen hatte. Doch Wolli war noch nicht da und so begann man schon mal ohne ihn zu frühstücken. Der würde wohl schon in den nächsten Minuten hier eintrudeln.
>>Wo ist Wolli?<< fragte Klaus, weniger um an der Antwort wirklich interessiert zu sein, mehr um beim Brötchen essen mit Ralf ins Gespräch zu kommen. Eddie hatte sich bereits eine herumliegende Ausgabe der HAZ gegriffen und schien bereits tief in der Lektüre versunken zu sein. Nur ab und zu sah man seine Hand, hinter dem Zeitungspapier, vorsichtig tastend, auf der Suche nach seinem Latte M, hervor greifen. Danach qualmte er, hinter der aufgefalteten Zeitung, weiter seine selbstgedrehte Zigarette und dieses Schauspiel vollzog sich nahezu jeden Tag auf die gleiche Weise. Eddie brauchte erst einmal einen Überblick über die politische und sportliche Lage Hannovers und den Rest der Welt, bevor der Tag losgehen konnte.
>>Keine Ahnung, der kommt sicher gleich<<, sagte Ralf und schaute dabei auf die Wanduhr im Laden.
>>Und sonst bei dir alles klar, Alter?!<<, fragte Klaus weiter.
>>Ja, alles klar<<, sagte Ralf und vermied es tunlichst auf diese Frage mit "Muss ja!" zu antworten. Wolli war ihm darin nicht unähnlich. Der machte auch immer nur mit einem kurzen "Ahoi!" nicht viel Aufsehen um allgemeine Befindlichkeiten. Nicht dass es ihn nicht interessiert hätte, aber er kam lieber immer gleich zur Sache. Redete von dem, was am Tag alles zu besorgen, und zu schaffen sei, oder wer heute zum Baumarkt fährt. Nicht dass dies nötig war, da ohnehin jeder genau wusste, was er zu tun hatte, doch er machte es halt. Vielleicht der Stimmung wegen, oder um zwischenzeitlich immer einmal wieder sicher zu stellen, wer hier das Sagen hat.
Sie waren eine eingespielte Truppe. Wolli kaufte immer irgendwelche herunter-gekommenen Dachwohnungen oder andere sanierungsbedürftige Etagen auf. Renovierte sie gemeinsam mit ein paar Handwerkern aus der Szene und sah dann zu, dass er die Immobilien danach schnell und gewinnbringend wieder loswurde, um auch wieder Geld für das nächste Projekt zu haben. Das machte er nun schon seit einigen Jahren so und Ralf war jetzt auch bereits seit fast vierzehn Monaten in seinem Trupp, zusammen mit Eddie und Klaus, die Wolli beide schon seit Jahren aus der Hannoveraner Szene kannten.

Ralf hatte Eddie über einen Bekannten von seiner Ex-Freundin Claudia mal im ROTKÄPPCHEN kennengelernt. Der genaue Verlauf des Abends war dabei aber allen Dreien nicht mehr genau in Erinnerung geblieben, da auch hier wieder eine Menge Alkohol mit im Spiel war. Seitdem war man sich dort öfters begegnet und Eddie hat ihn dann eines Tages mal mit auf eine von Wollis Baustellen genommen, weil gerade jemand zum Tapeten abreißen gebraucht wurde. Schnell war klar, dass Ralf für weitaus mehr taugte, als Tapeten abziehen, und so war er plötzlich, ohne dass er diese Handwerkerkarriere in Hannover angestrebt hatte, inmitten einer Welt von Gipskartonplatten und Steinwolle, Mörtel und Bauschutt gelandet. Da er zu dieser Zeit sowieso gerade nicht wusste, was er Besseres hätte mit seiner Zeit anfangen sollen, war ihm das ganz recht, und so hatte es sich einfach ergeben.

Ralf war vor fast zwei Jahren aus Köln, wegen seiner damaligen Freundin, hier nach Hannover gezogen. Das ging aber kurze Zeit später alles die Leine herunter und sie hatte ihn dann vor die Tür gesetzt. Er wollte danach eigentlich wieder wegziehen. Zurück nach Köln vielleicht, doch da fehlte ihm das Geld und so nahm er diverse Gelegenheitsjobs an, die ihm das Arbeitsamt vermittelte. Da kam ihm diese Wirtschaftswunder-Bekanntschaft zu Eddie gerade recht, und war ein unwiderlegbarer Beweis dafür, wie nützlich abendliche Trinkgelage für die soziale und geschäftliche Entwicklung sein können. Ansonsten mochte er Hannover nicht besonders, und nur die vergangene Liebesaffäre, hatte ihm die Stadt damals einigermaßen erträglich vorkommen lassen. Doch ohne einen triftigen Grund hier einfach wieder wegzuziehen, kam ihm auch nicht in den Sinn. Für den Moment war es ok, und er machte sich erst einmal wenig Gedanken darüber, wie es in den nächsten Monaten weitergehen würde.

Irgendetwas wedelte plötzlich an seinem Bein herum, und von unten vernahm Ralf ein freudiges Hundejammern. Das war Elsa, Wollis Mischlingshündin. Wolli bestand zwar immer darauf, dass es sich bei ihr um einen ein reinrassiger Golden Retriever handele, aber diese Geschichte kaufte ihm keiner ab. Ihre Herkunft bot immer viel Platz für allerlei Spekulationen, zumal hier in der Szene, jede Menge Hunde herumliefen, wodurch über die Jahre die Hundepopulation des Stadtteils exponentiell anstieg und Elsa wahrscheinlich das Ergebnis einer unfreiwilligen Kreuzung war.
>>Hey Elsa!<< begrüßte sie Ralf und versuchte sie daran zu hindern, an ihm hochzuspringen, um ihn dabei vor Freude durch das Gesicht zu lecken. Vom Eingang her vernahm er kurze Zeit drauf Wolli, wie er mit einem lauten >>Ahoi!<< nicht nur Ralf, Eddie und Klaus, sondern auch einen Großteil der anderen Gäste gleichzeitig begrüßte.
Wolli war kein unbeschriebenes Blatt in Hannover-Linden und viele kannten ihn hier. BEI JACQUELINE war er schon seit Jahren Stammgast und aus vielen Ecken des Raumes hörte man plötzlich Stimmen, die Wolli zurückgrüßten.
Elsa war schon mit der Nase bis zu Ralfs Gesicht vorgedrungen, schlappte kurz mit ihrer rosa Zunge an seinem Gesicht, um sich dann völlig hektisch und außer sich vor Freude, auf Klaus zu stürzen, der gleich neben ihm auf dem Hocker saß.
>>Ist ja gut, Elsa!<< versuchte Klaus, das völlig aufgebrachte Tier, durch ein paar Streicheleinheiten zu beruhigen >>Wir haben uns doch gestern Abend erst gesehen. Was machst du nur immer für einen Aufstand?<<
Wolli stand am Tresen, bestellte irgendwas und kam dann rüber zu den anderen.
>>Hey, schon gefrühstückt Leute? Dann kann’s ja gleich losgehen. Brauch’ nur noch einen Latte M und dann kann's losgehen!<< sagte er und schaute dabei in die Runde. Eddie zog kurz seine Zeitung herunter, blinzelte zu Wolli rüber und gab halbgähnend irgendwas Unverständliches zum besten.
>>Was ist los Eddie-Baby?<< fragte Wolli >>Wohl noch nicht fit, was?<<
>>Doch, geht schon<<, kam es hinter der mittlerweile wieder hochgezogenen Zeitung hervor, die jedoch kurz darauf durch zwei unter dem Stehtisch nach oben fahrenden Hundepfoten eingedrückt wurde.
>>Oh Mann, Elsa!<< sagte Eddie >>Ist ja schön, dass du dich so freust, aber ich lese Zeitung!<<
Dabei tätschelte er das aufgeregte Tier ein wenig auf dem Hinterkopf und versuchte sich das Blatt wieder einigermaßen lesegerecht zurecht zu falten, um kurze Zeit später erneut dahinter zu verschwinden.
>>Ich habe für heute ein bisschen Sand, Zement und ein paar Kalksandsteine bestellt<<, sagte Wolli >>Die müssen dann gleich nach oben, weil ich keine Genehmigung dafür hab', das Zeug einfach auf dem Bordstein liegen zu lassen. Ist aber nicht viel. Schaufel und Mörteleimer habe ich mit den acht Säcken Zement zusammen, eben schon mal in den Flur gestellt. Das Zeug kann dann auch hoch<<
Schon bei der Erwähnung von acht Säcken Zement war Ralf klar, dass es sich nicht nur um ein bisschen Sand und ein paar wenige Kalksandsteine handeln würde. Auch sind die Fahrer vom Bauhandel mit dem Sand gerne ein wenig großzügiger, was die Menge angeht. Mindestens genauso großzügig, was die Entfernung zur Lieferadresse angeht. Da kann es schon mal vorkommen, dass wenn die Adresse nicht ganz leserlich auf dem Lieferschein steht, oder der Fahrer es gerade eilig hat oder kein Stellplatz vor dem Haus frei ist, die Sachen dann irgendwo anders abgekippt werden, und man dann zusehen kann, wie das Zeug da wegkommt. Eigentlich ist es daher immer ratsam vor Ort zu sein, wenn das Material angeliefert wird. Aber das war meist schon um acht Uhr. Das ging irgendwie gar nicht. Vor neun war nie jemand auf den Baustellen. Auch das unterschied sie von den regulären Handwerkern. Dafür machten sie aber auch meist keine Frühstückspause, sondern arbeiten gleich bis Mittag durch. So gesehen glich sich alles wieder aus, später anfangen, eine Pause weniger, das passte schon.
>>Ach ja, so rot-weißes Flatterband habe ich auch noch mit beigelegt. Ich bin dann erst ab Mittag da. Muss heute Morgen auf 'ne Versteigerung. Neues Projekt, hört sich ganz gut an … gleich hier in der Nähe<<
>>Ach ja? Wo denn?<< fragte Klaus.
>>Hier die Limmerstraße rauf, in der Weckenstraße. So 'ne Dachwohnung. Ziemlich runtergekommen, aber spottbillig. Zerstrittene Erbengemeinschaft, da komm ich vielleicht günstig ran<<
>>Dachgeschoß? Welche Etage?<< fragte Klaus.
>>Oh, die fünfte<<, sagte Wolli >>Aber keine bange, im Hinterhof gibt es einen alten Kohleaufzug aus den Fünfzigern. Den können wir vielleicht wieder flott machen. Dann müssen wir den ganzen Krempel nicht immer hochschleppen<<
„Wir“ ist gut, dachte Ralf. Wolli hatte er noch nie beim Schleppen gesehen. Aber das war schon ok. Schließlich war er ja auch ihr Chef, und obwohl er sich nie so aufführte, oder gar als solcher angesprochen werden wollte, war immer klar, dass er hier den Ton angab. Immerhin steckte ja auch sein Geld in den Projekten und er zahlte sehr pünktlich und fair aus. Jede Woche cash auf die Kralle, zwanzig Mark die Stunde und die Stundenzettel konnte sich jeder selbst schreiben. Die waren ohnehin untereinander immer ziemlich identisch, weil fast alle zur gleichen Zeit anfingen und wieder nach Hause fuhren. Es war wie eine kleine Baustellenfamilie und oft fühlten sie sich auch als solche, ohne dass dies irgendwer einmal so ausgesprochen hätte.
Wolli zündete sich eine Zigarette an, trank seinem Latte M, den die Bedienung ihm gerade vorbeigebracht hatte und schaute auf den ihm zugewandten Immobilienteil von Eddies Zeitung.
>>Gib’ mal her!<< sagte er und fummelte sich den Teil aus der Zeitung heraus, der ihn gerade interessierte. Eddie schnaufte kurz, ließ sich aber nicht von seiner Lektüre abbringen.
>>He Wolli!<< klang es plötzlich irgendwo aus dem Raum. Wolli drehte sich um. Da stand Andreas, auch so ein Handwerker aus der Szene, der mit seinen Leuten gerade im Begriff war, den Laden zu verlassen.
>>Sehen wir uns gleich bei der Versteigerung?<<
>>Klar!<< sagte Wolli und schaute zu Andreas rüber, dessen Klamotten mit Farbflecken in einzigartiger Weise übersät waren, dass er glatt selbst als modernes Kunstwerk hätte durchgehen können.
>>Was denkst du! Ich kauf die Bude, wirst schon sehen!<<
>>Na, na!<< sagte Andreas >>Ich bin auch noch dabei … ist ein feines Objekt, da kann man was draus machen. Aber wir werden ja sehen, wer die Bude kriegt<<
>>Ja klar Mann<<, sagte Wolli >>Sind ja auch noch andere dabei<<

Das Ding mit den Wohnungen ersteigern, renovieren und wieder verkaufen, hatte sich rumgesprochen und Wolli war schon lange nicht mehr der Einzige hier im Raum, der sich und andere, damit über Wasser hielt. Früher hatte Andreas mal für Wolli gearbeitet und war dann irgendwann auf die Idee gekommen, es lieber selbst zu probieren. Da gab es dann kurze Zeit einigen Ärger untereinander, aber schließlich hatte Wolli es akzeptiert, dass er nicht auf ewig der einzige im Revier bleiben kann, der diese Deals macht. Scheinbar klappte es auch für beide ganz gut.
Man musste dabei den richtigen Riecher haben und die lukrativsten Objekte finden. Die Banken spielten da häufig sehr freigiebig mit und verkauft bekam man die Immobilien auch wieder relativ schnell. Wie viel Gewinnspanne darin lag, war Ralf nie ganz klar, aber es war anscheinend genug, dass sich Wolli mit seiner Frau und seinen beiden Kindern über Wasser halten konnte, einige Garagen für Baugeräte und Material hatte und zwei Lieferwagen und einen PKW fuhr.

Manchmal erinnerte dies Ralf an seine damalige Zeit in Köln. Die Kölner Südstadt, ein Szenenstadtteil, in dem er einmal wohnte, mauserte sich über die Jahre mehr und mehr zu einer versnobten Schickeriagegend, weil immer mehr Altbauwohnungen luxussaniert, und dann teuer an irgendwelche Anwälte, Professoren oder Neureiche verkauft wurden. Die Kneipenszene drum herum änderte sich dadurch auch schlagartig und wo man früher selbst gemütlich bei lauter Musik sein Bier trank, schossen nun Nobelschuppen, wie Pilze aus dem Boden. Er überlegte, ob es hier nicht das Gleiche sei. Ein Szenestadtteil wie Linden, in welchem man wohnen musste, wenn man halbwegs dazu gehören wollte, wurde sukzessive umgekrempelt in einen Stadtteil für besser Verdienende. Langsam aber sicher war man hier dabei, sich selbst den eigenen Ast abzusägen, denn schließlich wohnte man ja auch hier.
>>Was ist los, Ralf?<< fragte Wolli, der im Hintergrund noch Andreas zum Abschied so was wie einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken verpasste.
>>Was? Ach nix. Ich dachte grad nur nach, wie viel Sand da wohl liegt, wenn du acht Säcke Zement bestellt hast?<<
>>Ach so! Ja, nicht viel … vielleicht ein Kubikmeter. Das kriegt ihr Jungs schon geregelt<<, sagte Wolli, schlug den Immobilienteil auf und machte damit deutlich, dass er nun für weitere Gespräche vorerst nicht mehr zur Verfügung stand.
>>Ja, schon klar<<, sagte Ralf noch, was auch sonst hätte er sagen sollen. Er würde es ja sehen, wenn sie da sind.
Kurze Zeit später schob ihn Wolli noch stumm den Haustürschlüssel für die Albertstraße rüber. Doch in Ralfs Augen war dies ziemlich überflüssig, denn bei der Bruchbude reichte ein gezielter Tritt gegen die Eingangstür ohnehin immer aus.
Elsa hatte sich mittlerweile quer durch den Laden, ein Bild aller Gäste gemacht und da sie hier fast jeder kannte, bekam sie überall einige Streicheleinheiten ab. Manchmal steckte ihr auch der ein oder andere was vom Tisch aus zu. Das war irgendwie normal und fast jeden Morgen das gleiche. Schließlich machte sie es sich bei Wolli am Barhocker bequem und schaute planlos unter den vielen Beinen umher.

Draußen hatte ein feiner Nieselregen eingesetzt. Die wenigen Leute, die eben noch auf den Straßenstühlen des Cafés saßen, kamen rein und es wurde kurzfristig ziemlich voll, laut und hektisch. Es war ohnehin noch viel zu früh um diese Jahreszeit, die Stühle rauszustellen. Doch in den letzten Februartagen war es erstaunlicherweise sehr sonnig gewesen und man konnte tatsächlich schon draußen sitzen. Zwar warm bekleidet, aber Hauptsache draußen.
Drinnen roch es indes nach frischem Cappuccino, Rauch, Pizza und nassen Klamotten. Im Barbereich hörte man die italienische Bedienung immer nach irgendwelchen Kaffeegetränken in die Küche rufen, und um das klischeehafte Ambiente abzurunden, hörte man im Hintergrund Azzuro von Adriano Celentano aus den Lautsprechern, die irgendwo hinter dem Tresen standen.
Ralf war im Gedanken plötzlich woanders. Irgendwo im Süden, Türkei oder Griechenland, egal - Hauptsache am Meer. Er war ein Zugezogener Hannoveraner auf dem Absprung nach woanders. Irgendwie, so dachte er, waren das hier alle. Eddie kam aus Soltau, Klaus aus Braunschweig, was für eingefleischte Hannoveraner das war, was Düsseldorf für Kölner darstellte, und Wolli, ja Wolli war Hannoveraner aus Passion, so als wäre es eine Berufung.

Hannover erschien Ralf wie eine Stadt von Zugereisten und Pendlern. Keine Menschen, die auf Dauer hier sein wollten oder die Absicht hätten zu bleiben, und schon gar nicht um hier ihren Urlaub zu verbringen. Gestrandete wie er, nur ohne den Strand, durch irgendwelche Schicksalsschläge hier gelandet und mit dem Gedanken spielend, möglichst schnell wieder hier wegzukommen. Doch das war nicht so einfach. Erst einmal hier angekommen, versinkt man gleich in dem dumpfen Trott der Stadt, wird davon gefangen gehalten und schließt mit der Welt außerhalb Hannovers einfach ab. Es war wie ein riesiges Hotel, in dem die Neuankömmlinge die Gäste, und die Ureinwohner die Bediensteten zu sein schienen. Aber vielleicht fühlt es sich in jeder anderen Stadt, aus der man nicht gerade selbst kommt, genauso an? Das wusste er natürlich nicht und so widmete er sich lieber wieder seinen Gedanken an südlichere Gefilde.
Alle saßen sie noch eine Weile rum, starrten dabei meist in ihre halbleeren Gläser, rauchten ihre Zigaretten auf, oder lasen die Zeitung zu Ende. Nichts worüber es sich zu unterhalten lohnte stand noch im Raum, eigentlich war ja auch alles klar.

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