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1.Mai

Als Ralf aufwachte, hörte er irgendwo im Hintergrund der Stadt den Lärm eines Straßenumzugs. Normalerweise ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass in Hannover der alljährliche Umzug für das größte Schützenfest der Welt stattfindet. Hierbei wunderte sich Ralf jedes Mal aufs Neue, wie es überhaupt möglich sein konnte, dass Menschen, die so viele Orden an der Jacke trugen, den letzten Krieg verloren haben. Doch auch jahreszeitlich lag er hier falsch, denn ganz weit entfernt sangen einige Menschen ein Lied, welches ihn selbst viele Jahre seines Lebens begleitet hatte:


"... Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht..."


Hierdurch angeregt sprang der Kassettenrekorder seines Unterbewusstseins an, spulte gleich mehrere Jahre zurück, und überspielte seinem Gedächtnis, jede Menge Erinnerungen aus den Zeiten, wo man als technisch besonders gut ausgestattet galt, Besitzer von gleich zwei Rekordern und eines fünfpoligen Überspielkabels zu sein. Im daran anschließenden morgendlichen Wachtraum, vermischte sich der dabei entstehende Gedanken-Bandsalat mit einem Dressing aus Realität und Phantasie. Wäre Ralf mit der digitalen Zeit gegangen, hätte sich die CD der Vergangenheit innerhalb weniger Sekunden sehr viel schneller auf seine Festplatte brennen lassen. Aber er rannte der analogen Zeit in seinen Träumen lieber noch etwas im hinterher. Nach einer Weile lugte er mit halbgeschlossenen Augen unter der Bettdecke hervor. Hilflos umhertastend, machte er sich dabei auf die Suche nach der Digitaluhr, die den klassischen analogen Wecker schon vor Jahren, aus den Schlafzimmern dieses Landes geschmissen hat. Die darauf abgebildete Uhrzeit konnte sich nur um einen grausamen Irrtum der Natur handeln. Vielleicht war aber auch nur sein gerade wiedererlangtes Bewusstsein, mit der Höhe dieser Zahl selbst überfordert. Gleiches galt für die Anzahl, der vor dem Bett herumliegenden Weinflaschen, die grob überschlagen mit der Digitalanzeige übereinstimmte.
>>He, heute ist Feiertag<<, hörte er Andrea irgendwo unter der Bettdecke her murmeln, und er machte sich auf die Suche nach ihr. Draußen wurden die Fanfaren und Glockenspielklänge immer lauter, und würde man es nicht besser wissen, hätte man annehmen können, dass sie ihnen unten im Hof der Weckenstraße, ein Ständchen spielten.
>>Das ist ja fürchterlich!<< sagte Andrea und zog sich ein Kissen über den Kopf, und zwar genau das, auf dem Ralf bis dahin seinen Kopf liegen hatte. Es entbrannte ein heftiger Zweikampf um die Vorherrschaft des Kissens, den Ralf zwar nach geraumer Zeit für sich entscheiden konnte, nicht jedoch ohne dabei plötzlich unter Andrea zu liegen.
>>Was nun Ralf Bender?<< fragte sie ihn triumphierend, obwohl sie die Kissenschlacht verloren hatte >>Wir können jetzt entweder den ganzen Tag im Bett bleiben und wie die Irren rumvögeln, oder meinst du, schaffen wir das heute, bis vor die Haustür zu kommen und was zu unternehmen?<<
So wie Ralf sie gerade vor sich sah, war er sich da nicht ganz sicher. Denn vieles sprach gerade für ihren ersten Vorschlag. Aber für den Nachmittag hatte er sich bereits mit Eddie im BAD verabredet.
>>Wie wär's, wenn wir nur den halben Tag im Bett rumvögeln, und dann zum Nachmittag ins BAD gehen. Da ist 1.Mai Party und die wird bestimmt ganz lustig?!<<
>>Hmm<<, sagte Andrea >>Stimmt, wir wollten ja endlich mal deine bekloppten Freunde da treffen<< und sie begann ihn zu streicheln >>Und der halbe Tag ist ja auch schon fast rum<<, wobei sie unter der Decke verschwand und ein erneuter schrecklicher Decken- und Kissenkrieg ausbrach. Wie aber fast alle Kriege, so endete auch dieser, nach herben Verlusten auf beiden Seiten, in einem Friedensabkommen, an dem sich Ralfs Meinung nach, andere Länder und Regierungen ruhig mal ein Beispiel dran nehmen könnten.

Als sie später beim Frühstück im Bett lagen und ihre Kriegswunden heilten, hatte sich der Lärm und das Tschingderassabum der Maiumzüge in der Umgebung ein wenig gelegt. Diese waren mittlerweile in Sternformation in die Hannoveraner Innenstadt gezogen, um sich an ihrer eigenen Polemik zu ergötzen. Ralf hatte sich früher noch selbst auf den Weg zu den 1.Mai Kundgebungen gemacht, doch auch hier hatte der Zahn der Zeit Karies bekommen, und war letztlich ausgefallen. Jedes Jahr zwischen Bratwurst und Bier, sich über meist schlechte Lautsprecheranlagen, das ewig gleiche Geheule über die Unterdrückung der Arbeiterklasse anzuhören, verlor eben auch irgendwann mal seinen Reiz. Zumal diejenigen mit den kämpferischsten Parolen, meist auch die waren, die sich genau darum am wenigsten Sorgen machen mussten. Da war er zum 1. Mai lieber nur noch zu den kurdischen Veranstaltungen gegangen - dort hatte er zumindest das Gefühl, dass es tatsächlich noch sowas wie eine internationale Solidarität gab. Außerdem gab es dort immer das bessere Essen!

>>Wie wollen wir eigentlich dahin kommen?<< rief Andrea aus dem Badezimmer hinüber, als Ralf gerade dabei war, seine Sachen, die mittlerweile überall in ihrer Wohnung herumlagen, zusammen zu suchen.
>>Weiß nicht?! Vielleicht mit dem Auto?!<< Ralf ärgerte sich, denn es wäre ein idealer Tag gewesen, um gemeinsam mit dem Rad dorthin zu fahren. Einmal an der Ihme entlang bis zu den Herrenhäuser Gärten hochfahren, hatte er schon lange nicht mehr gemacht.
>>Lass uns doch zu Fuß gehen!<< rief Andrea wieder aus dem Bad >>Wenn wir nachher zu viel getrunken haben, werden wir schon irgendwen finden, der uns mitnimmt. Oder wir nehmen ein Taxi. Kostet ja auch nicht die Welt!<<
>>Ok, hast Recht!<< sagte Ralf und versuchte anhand der herumliegenden Flaschen in etwa auszurechnen, wie viel sie gestern schon wieder getrunken hatten. Vielleicht sollte man da auch mal wieder eine Pause einlegen ... aber nicht heute.
>>Sag' mal, meinst du nicht, dass es Sinn machen würde, dass du dir hier mal eine Ecke im Regal einrichtest für deinen ganzen Kram?<< fragte Andrea.
Ralf kratzte sich am Kopf. Es hatte sich tatsächlich verdächtig viel Zeug von ihm hier angesammelt. Fast war es wie ein schleichender Umzug, bei dem er jeden Tag, angefangen von ein paar Socken, bis hin zu neuen Unterhosen und der Espressokanne, etwas neues anschleppte.
>>Hmm … ja … weiß auch nicht. Wenn du nichts dagegen hast?<<
>>Würd' ich's dir sonst anbieten?<<
>>Nein<<, sagte Ralf >>wohl kaum<<

Es war ein herrlicher Frühjahrstag, bei dem sie im frühen Nachmittag, nach einem langen Spaziergang, am BAD ankamen.
>>Das muss man Hannover lassen<<, sagte Ralf >>Die Grünanlagen hier sind echt klasse. Wir sind jetzt über eine Stunde nur durch die Natur spaziert und haben bis hierhin, nicht eine einzige Straße überqueren müssen<<
Der Eintritt zum BAD betrug fünf Mark und das war ein wirklich fairer Preis für das, was einem dort geboten wurde. Natürlich gab es auch hier einen bunten Stempel auf die Hand gedrückt, diesmal war es das Emblem von Hannovers Fußballclub, der aber zurzeit nur in der Zweiten Liga spielte.

Das BAD war ehemals von Hannover96 als Freizeitstätte genutzt worden, und stand dann irgendwann einmal leer, weil die es sich bei ihrer Spielweise einfach nicht mehr leisten konnten. Bevor der Laden dann restlos verfiel, haben ein paar Leute aus dem Anbau eine Kneipe gemacht, und der mittlerweile leere Swimmingpool war groß genug, dass sich darin Platz für ein buntes Zirkuszelt fand. Darin fanden den ganzen Sommer über und fast jedes Wochenende Partys oder Konzerte statt. Heute stand dazu noch eine zweite Bühne im Außenbereich, und das ganze Gelände, einschließlich der ehemaligen Liegewiesen, war voller Leute und verschiedener Buden. Es gab dort neben allerlei politischer Literatur und Flugblättern, zu jeder noch so weit links stehenden Bewegung, auch jede Menge Futterkrippen, die Speisen und Getränke aus allerlei Ländern anboten, die sich im Klassenkampf vereint sahen. Dieses bunte Zusammenspiel verschiedener Kulturen, Speisen, Altersgruppen und allem möglichen Spektakel, war ein alljährliches, kulturelles Highlight der Stadt. Bei guten Wetter wie diesem, versprach dies ein wunderbarer Tag zu werden.

An einem der Stände, der von der kurdischen Arbeiterpartei PKK betrieben wurde, erkannte Ralf auch gleich ein paar alte Bekannte wieder. Es waren zwei darunter, die er schon oft in der Albertstraße gesehen hatte, wo noch vor einigen Wochen die Verhaftungen stattgefunden hatten. Der eine war der Typ gewesen, der sich bei ihm im Dachboden wegen des Wassers beschwert hatte und mit dem er anschließend in den Keller gegangen war. Auch er schien ihn wieder zu erkennen, und wirkte diesmal nicht so mürrisch, sondern begrüßte beide ausgesprochen freundlich.
Er stellte ihnen beiden Tee auf den Tisch, welcher ansonsten mit Flugblättern und Büchern nur so überladen war, dass er fast zusammenbrach. Darüber hing träge eine rote PKK-Fahne mit grüner Aufschrift, an einem provisorisch aufgestellten Mast, denn Wind gab es heute so gut wie keinen. Man begann mit einem oberflächlichen Gespräch über dies und das und kam dabei natürlich zwangsläufig, auch auf die aktuellen politischen Themen zu sprechen. Letztlich diskutierten sie gemeinsam darüber, wie es denn weitergehen würde, wenn es tatsächlich in Deutschland zu einem Verbot ihrer Partei kommen würde, wovon man in der letzten Zeit immer wieder was in den Nachrichten hörte. Zwei der damals in der Albertstraße Verhafteten, so erfuhr Ralf dabei, waren immer noch im Gefängnis, und so unterschrieb er eine Petition für deren Freilassung, doch für mehr konnte er sich einfach nicht mehr engagieren.
Das war früher bei seiner Betreuung kurdischer Aktivisten, die sich während der Zeit der Militärjunta in der Türkei, gegen Folter und Diskriminierung in einem Hungerstreik befanden, noch etwas anderes. Die Militärjunta wurde dann in der Türkei durch eine vorgegaukelte Demokratie ersetzt, doch die Vertreibung der Kurden, hatte bis heute kaum nachgelassen. Nur in den Medien wurde nun nicht mehr sooft darüber berichtet. Schließlich war es wichtiger geworden, die Türkei als erstklassiges Urlaubsland international zu vermarkten, und da passten solche Bilder nicht ins Schema.

>>Hey schau mal, da ist Eddie<<, sagte er zu Andrea, als sie nach dem Besuch des PKK-Standes, mit jeweils einem Bier in der Hand, einen freien Platz auf der Wiese gefunden hatten. Das Bier wurde heute wohl aus Solidarität mit den unterdrückten Bierbrauern in Papua Neuguinea, handwarm ausgeschenkt. Vielleicht aber war auch einfach nur die Kühlung der Zapfanlage kaputt. Bei Veranstaltungen dieser Art musste man mit allem rechnen.
>>Ja, ich seh' ihn<<, sagte sie >>Doch ich will erst noch lieber was mit dir hier rumknutschen. Den sehen wir bestimmt gleich wieder<<
Wie Recht sie hatte, zeigte sich kaum eine Viertelstunde später, als Eddie vor ihnen mit drei frischen Bechern Bier auftauchte.
>>He, ihr Liebestollen! Jetzt ist mal Schluss mit rumfummeln. Eddie ist da und hat was feines mitgebracht<<
Ralf und Andrea lösten sich aus ihrer Umarmung und blickten zu Eddie hoch.
>>Wow, kühles Bier! Wo gibt's denn hier so was?<< fragte Ralf.
>>Gleich da drüben<<, Eddie zeigte dabei in eine Richtung, die auch gleich alle anderen Richtungen mit einschloss. Es war daher zu vermuten, dass er das selbst nicht mehr so genau wusste. Immerhin standen bestimmt zwanzig solcher Buden hier herum.
>>Das ist nett, Danke!<< sagte Andrea und sie stießen gemeinsam mit ihren Plastikbechern an.
>>Ja, so hat es die Arbeiterklasse gerne<<, sagte Eddie >>Bier im Plastikbecher! Das muss sein. Auf die unterdrückten Plastikbecher produzierenden Betriebe der ganzen Welt!<< rief er in die kapitalistische Welt hinaus und sie stießen ein weiteres Mal an.
>>Nun stell sie mir wenigstens mal ordentlich vor!<< sagte Eddie, nachdem er mit fast einem Schluck, sein halbes Bier geleert hatte und mit dem Becher in der Hand auf Andrea zeigte.
>>Ja klar<<, sagte Ralf >>Andrea, das hier ist mein Kumpel Eddie. Eddie, das ist Andrea. Ihr kennt euch ja eigentlich schon aus der GLOCKSEE und so<<
>>Ja, Prost Andrea<<, sagte Eddie, hob dabei seinen Becher an und trank den Rest daraus aus, als wäre es Wasser gewesen.
>>Hast ja heute einen richtigen Zug am Leib, was?<< fragte Andrea.
>>Ja, ich habe mir eben erst so eine türkische Pizza …<, dabei legte er besonderen Wert auf eine korrekte Betonung dieser Worte >>… geholt und die war irgendwie voll versalzen. Das musste sein!<<

Ralf schaute währenddessen in die Menschenmenge, die heute an diesem warmen Maitag, im BAD zusammengekommen war. Es war natürlich die gesamte Hannoveraner Kneipenszene darunter vertreten, inklusive der Besucher, die meist schon um achtzehn Uhr zuhause sein mussten, was nicht einmal der Höhe ihres Alters entsprach. Schwer auf unkonventionell verkleidete Teenies, mit Che Guevara T-Shirts waren darunter. Viele trugen auch das Erkennungszeichen aller irgendwie linksorientierten Menschen: Ein weiß-schwarzes Palästinensertuch, um den Bauch oder den Hals gewickelt.
Der Klassenkampf von gestern ist also doch zu einer belanglosen Modemaschinerie verkommen, dachte Ralf. Aber vielleicht war sie das zu seiner Zeit auch schon, und er hatte dies nur damals ebenso wenig mitbekommen, wie die Jugendlichen von heute. Allerdings konnte er sich nicht entsinnen, dass die Mädchen damals schon so derart aufreizend und bauchfrei herumliefen, zumindest die, die kein Palästinensertuch darum gewickelt hatten. Woodstock diente für diese Generation wohl als sowas wie eine Anleitung, wie man sich unkonventionell und möglichst erotisch als Hippie verkleidete. Dass sie dabei kaum volljährig waren, hätte man am kaum vermutet, das war schon ein schöner Anblick.
>>Schaust du etwa kleinen Mädchen hinterher?<< schubste ihn Andrea an, die seine umherschweifenden Blicke bemerkte.
>>Nein<<, sagte Ralf >>Ich mache mir nur gerade ernsthafte Sorgen, ob es mit dem Haufen Freizeitrevolutionären …<<, dabei winkte er abfällig in eine Menge besonders bunt daherkommender junger Leute >>… überhaupt noch möglich ist, die Weltrevolution auf die Beine zu stellen<<
>>Die Weltrevolution, was?!<< lächelte Andrea ihn an >>Du Spinner!<< dabei trank auch sie ihr Bier aus. Kurze Zeit später stand sie auf und sammelte die geleerten Plastikbecher ein, für die es jeweils fünfzig Pfennig Pfand gab. Dann ging sie los, neues zu besorgen.
>>Mannomann<<, sagte Eddie >>Da bist du ja echt zu beneiden, Alter<<
>>Hmm … ja<<, sagte Ralf, der sich aber weiter dazu nicht äußern wollte, sonst hätte Eddie sich womöglich dem Niveau der deutlich jüngeren Umgebung angepasst, was mit zunehmender Alkoholmenge peinlich hätte ausgehen können.
>>Schau mal<<, sagte Eddie, nachdem Andrea alle wieder mit Bier versorgt hatte >>Da unten ist Rudi!<<
>>Wer ist Rudi?<< fragte Andrea.
>>Ach ein alter Kumpel von Ralf und mir, was Ralf?<<
Ralf schaute genau hin. Doch seine Befürchtung, dass auch Claudia zusammen mit Rudi hier sein könnte, bestätigte sich auf den ersten Blick nicht. Immerhin war Rudi ein alter Schulkamerad von ihr, und irgendwie auch mal eine alte Liebschaft, die aber auch schon Jahre zurücklag. Etwa zu der Zeit, wo alle in diesem Alter anfingen, die erste Liebe zu entdecken und in dessen Umfeld sie auch gerade saßen.
>>Ich geh' da mal rüber<<, sagte Eddie >>Bin aber bald wieder da<<
Damit stand er auf, und machte sich durch die Menge Platz in Richtung des Zirkuszeltes, von wo der Lärm der Vorband zwischenzeitlich abgeflaut war, und die Umbauarbeiten für die nächste Band stattfanden.
Ralf schlürfte noch eine Weile nachdenklich an seinem Bier, bis plötzlich völlig unerwartet sein Funktelefon in seiner Jackentasche klingelte.
>>Du schleppst dein Funktelefon mit hierhin?<< fragte Andrea erstaunt >>Am Feiertag?<< und scheinbar war sie nicht die Einzige, der dies komisch vorkam, denn auch andere drehten sich mit sparsamen Blicken zu Ralf um, dem das selber gerade sehr unangenehm war.
>>Mensch Ralf, wo bist du?<< hörte er Wolli am anderen Ende.
>>Ich sitz hier im BAD mit Eddie und Andrea und…<<, doch Wolli fiel ihm hektisch ins Wort >>Ok, alles klar! Beweg' jetzt mal auf der Stelle deinen Arsch vor die Tür! Ich muss dir was zeigen!<<
>>Was?<<
>>Ja, Mann! Ich steh hier vor dem Eingang zum BAD und du sollst jetzt mal sofort hier herkommen! Ich muss dir was zeigen, das wirst du mir nicht glauben<<
>>Was willst du mir denn zeigen? Ich mein'... komm doch einfach rein und wir …<<, doch Wolli war ausgesprochen energisch >>Laber' nicht Mann! Komm endlich her!<<
Ralf war dieser Kommandoton von Wolli völlig unbekannt, und er musste entweder etwas fürchterlich Sensationelles dabei haben, oder einfach nur extrem schlechte Laune. Was von beidem genau, wusste er nicht.
>>Was ist denn los?<< fragte Andrea, die Ralfs besorgtes Gesicht bemerkte.
>>Keine Ahnung. Wolli steht vor dem Eingang zum BAD und meint, ich müsse unbedingt zu ihm rauskommen<<
>>Vielleicht brauch er ja nur fünf Mark um rein zu kommen?<<
>>Was? Nein! Keine Ahnung, ich glaub' ich geh' mal dahin<<
>>Warte, ich komm' mit!<<
Sie spülte rasch ihr Bier hinunter, um auf dem Weg zum Ausgang für Ralf und sie gleich zwei neue zu holen.

Ralf sah Wolli in einiger Entfernung durch das Eingangstor zum BAD. Es strömten weiterhin alle möglichen, fröhlich gelaunten Leute hinein, und Ralf musste sich seinen Weg durch die Menge in die Gegenrichtung mühsam erkämpfen. Dicht gefolgt von Andrea, die dabei noch die beiden Bierbecher zu retten versuchte.
>>Hi Wolli, was ist denn los?<< fragte Ralf, als er schließlich mit Andrea bei ihm angekommen war >>Ach ja, und das hier ist übrigens Andrea. Ich denke, ihr kennt euch ja schon ein wenig<<
Wolli nickte Andrea freundlich zu und reichte ihr die Hand >>Freut' mich, dich einmal ohne deinen Wäschekorb in der Hand kennenzulernen!<< sagte er und Andrea lud erst noch einen Bierbecher bei Ralf ab, damit sie ihm auch die Hand geben konnte >>Ja, Sorry dafür! Bin halt manchmal was aufbrausend!<<
>>Kein Problem<<, sagte Wolli und Ralf wollte nun endlich wissen, was er denn jetzt hier draußen verloren hat, wo es doch drinnen gerade so gemütlich war.
>>Komm mit!<< sagte Wolli und sie gingen einige Meter, bis zum Fahrradparkplatz, auf welchem mindestens fünfhundert Räder standen.
>>Schau mal!<< Wolli wies mit dem Finger in eine Richtung.
>>Ich werd' verrückt!<< sagte Ralf >>Das ist ja meins!<<
Ralf erkannte sein Fahrrad unter tausenden sofort. Es hatte einen großen roten Lackfleck, dessen Herkunft in die Frühzeit seiner Bautätigkeiten für Wolli zurückreichten und an dessen Entstehung auch mehrere Flaschen Bier beteiligt waren. Doch eben an dieser Stelle hatte der Kassettenrekorder des Unterbewusstseins wieder Bandsalat gehabt. Ralf lag auch nicht viel daran, die Kassette noch mühsam mit Tesafilm zu flicken, und hatte sie gleich im hohen Bogen weggeworfen, in der Hoffnung, dass sie keinem zufällig des Weges gelaufenen Passanten an den Kopf knallt.
>>Oh, Mann! Ich kann doch jetzt nicht den ganzen Tag bis in die Nacht hier rumstehen, und warten, bis das Arschloch kommt. Und einen Seitenschneider, um das Schloss zu knacken, habe ich auch nicht hier. Mann, Scheiße!<< Er wusste gerade nicht, ob er sich freuen sollte, sein Fahrrad gefunden,- oder doch lieber ärgern, weil dies jetzt den angenehmen Tagesverlauf empfindlich durcheinanderbrachte.
>>Vielleicht solltest du irgendjemand anderes fragen, der hier vielleicht auch mit dem Rad ist, ob er das nicht mit seinem Schloss zusätzlich abschließen kann. Dann hast du es zumindest erst mal gesichert<<, sagte Andrea.
>>Hmm … keine schlechte Idee, aber dadurch kriege ich nicht heraus, welches Arschloch mir mein Rad geklaut hat, und ich kann ihm keine dafür verpassen! Was meinst du Wolli?<<
>>Schwere Entscheidung. Ich kann dir meine Autoschlüssel geben, aber da musst du fast einen Kilometer laufen. Das steht am Anfang der Herrenhäuser Gärten. Hier ist ja alles zugeparkt. Dann könntest du in mein Lager fahren, dir einen Bolzenschneider holen und das Schloss aufbrechen, weiß auch nicht. Wenn du willst?!<<
>>Oh Mann, echt schwierig!<<
Es sah ganz danach aus, dass er, um sein Rad wieder in Besitz zu nehmen, den Tag im BAD dafür opfern müsste.
>>Oder du holst die Bullen<<, sagte Wolli und bot währenddessen beiden eine Zigarette an.
>>Die Bullen? Hier zum BAD? Am 1.Mai?<< fragte Ralf lachend und ließ sich dabei von Wolli Feuer geben >>Mach dich nicht lächerlich, Mann. Wenn hier jetzt ein Bulle aufkreuzt, dann flippen die da drinnen doch aus. Die trauen sich doch hier heute nur mit 'nem Mannschaftswagen und in voller Kampfausrüstung hin<<
>>Ja, da hast du auch wieder Recht<<, sagte Wolli >>Aber was willst du nun tun?<<
>>Schwere Frage<<, sagte Ralf >>Bullen sind auf jeden Fall uncool, das muss man anders regeln<<
Er rief Eddie auf seinem Funktelefon an.

Wenige Minuten später stand auch Eddie mit einem Bier in der Hand in der Runde.
>>Mann, das nervt mich aber jetzt, dass hier alle Bier haben und ich nicht<<, sagte Wolli, woraufhin ihm Ralf seinen Becher reichte >>Sauf ruhig aus<<, sagte er >>Ich weiß jetzt, was ich mache! Eddie, du bist doch mit dem Fahrrad hier, oder?<<
>>Ja Chef!<<
>>Ok, hol das mal her und schließ dein Schloss an mein Fahrrad und ich mach mich schnell mit deinem Rad aus dem Staub und hol den Bolzenschneider. Da bin ich nämlich schneller hin und zurück, als mit Wollis Lieferwagen. Dann knacke ich das auf und wir stellen beide Räder woanders hin und die Sache ist erledigt. Was haltet ihr davon?<<
>>Wie? Du willst ihm keins auf die Fresse hauen?<< fragte Wolli enttäuscht darüber, dass dies schon alles gewesen sein sollte.
>>Hmm, hört sich eigentlich ganz vernünftig an<<, sagte Eddie >>Obwohl, eins auf die Nuss sollte man dem schon noch geben. Wie wär's, wenn du mit meinem Rad den Bolzenschneider holst und wir schließen mein Rad danach wieder an deins an, und lassen es hier stehen. Dann kann er zumindest nicht weg, und … hey, vielleicht ist er ja so blöd und wartet dann noch, bis ich später meins aufschließe, und dann kannst du ihm immer noch eine verpassen? Und wenn nicht, dann brechen wir das Schloss eben später auf<<
>>Ok, das dürften ja jetzt wohl alle erdenklichen Möglichkeiten sein, was?<< fragte Ralf in die Runde >>Dann mal her mit deinem Rad Eddie. Ich überleg' mir das dann auf der Fahrt<<
>>Hey Süßer<<, sagte Andrea, als Eddie sein Fahrrad holen ging und Wolli sich in der Schlange vor dem BAD eingereiht hatte >>Wenn's ohne Schlägerei gehen würde, hätte ich nichts dagegen, ok?!<<
>>Jaja, ich mach das schon<<, sagte Ralf und trank an ihrem Bier.
>>“Jaja“ heißt „Leck mich am Arsch“, Mann!<<, sagte sie und nahm Ralf in den Arm.

Ralf strampelte wie ein wahnsinniger auf Eddies Fahrrad nach Linden und fand in Wollis Garage auch schnell den gesuchten Bolzenschneider. Völlig ausgelaugt, stand er fünfundvierzig Minuten später wieder neben Andrea, Eddie und Wolli, die ihm alle inzwischen schon um einige Biere voraus, und auch in neuer Gesellschaft waren.
>>Hallo Ralf<< sagte Rudi und schubste ihn freundschaftlich gegen die Schulter >>Lange nicht gesehen, wie geht's dir?<<
Rudi war ein guter Kumpel aus Ralfs Zeit mit Claudia gewesen. Doch danach hatte der Kontakt zu ihm auch immer mehr nachgelassen. Was ihn aber weitaus mehr wunderte war, dass auch Claudia sich zwischenzeitlich zu dieser Runde gesellt hatte, zu der auch noch Pascal und Georg irgendwie gestoßen waren.
>>Hallo Ralf!<< sagte Claudia, und lächelte ihn dabei auf genau die Art an, die er gerade am allerwenigsten zu schätzen wusste. Er schaute zu Eddie, der neben ihr stand, und der ihm mit einer zurückhaltenden Handbewegung signalisierte, dass er mit dieser Gesellschafts-konstellation nicht das Geringste zu tun hatte.

Andrea, die zwar nicht wusste, dass es sich bei Claudia um Ralfs Ex-Freundin handelte, nahm ihn in den Arm, so als ginge es darum, ihre unangefochtenen Besitzansprüche anzumelden. Anscheinend spürte sie, dass hier irgendwas zwischen den beiden in der Luft lag, war sich aber selbst nicht ganz im Klaren darüber, um was genau es sich dabei handelte.
>>Hallo!<< sagte Ralf kurz, schaute einmal in diese illustre Runde, um sich danach aber erst einmal ein Bier holen zu gehen. Der Veranstalter war mittlerweile dazu übergegangen, das Bier nun auch schon vor dem Eingang auszuschenken, da der Andrang hier immer größer wurde und man die Leute in der Hitze ja schließlich mit dem Nötigsten versorgen musste.
Als er zurück kam, beobachtete er bereits aus einiger Entfernung, dass Eddie sich offensichtlich darin versuchte, an Claudia heranzumachen. Er könne es ihm nicht verdenken, dachte er bei sich, Claudia sah ziemlich gut aus, und hatte wohl gerade Gefallen an ihrem neuen Umfeld gefunden. Eigentlich war sie vom Typ her eher ein stilles Mauerblümchen, und dabei selten in solcher Gesellschaft wie jetzt gewesen. Sie bevorzugte mehr ihren etwas elitäreren Kreis von Kunststudenten, mit denen Ralf damals wie heute, nicht viel anfangen konnte. Emotional war es ihm nahezu egal sie zu sehen, doch die Sache hatte einen klammen Beigeschmack. Sie passte gerade einfach überhaupt nicht in seine Welt. Allein die Möglichkeit, dass Eddie bei ihr Erfolg haben könnte, würde nach sich ziehen, dass sie demnächst wieder einen ständigen Platz in seinem sozialen Umfeld beziehen würde.

>>Hast du den Bolzenschneider gefunden?<< fragte Wolli, obwohl es kaum zu übersehen war, dass Ralf dieses fast ein Meter lange Werkzeug, mit sich herumschleppte.
>>Ja<<, sagte Ralf, und gab Eddie den Fahrradschlüssel zurück, der daraufhin sein Fahrrad an das von Ralf schloss. Danach setzte sich die Gruppe vorbei an der Schlange in Bewegung, schließlich mussten sie am Eingang ja nur noch ihre aufgedrückten Stempel zeigen.
Danach waren Ralf und die anderen jeweils in einige Smalltalks verwickelt und ab und zu hörte er, wie Eddie im Hintergrund immer weiter von sich reden machte, um dabei scheinbar Claudia zu imponieren. Ab und zu musste sie dabei schallend loslachen und es machte den Eindruck, als gefiel es ihr hier. Ralf hätte sich in dem Moment lieber etwas mit Andrea von der Gruppe abgesetzt, doch das ging irgendwie nicht.
Gegen Einbruch der Dunkelheit war das BAD mittlerweile übervoll geworden. Einige der Buden, mit gewaltfrei geernteten Maiskolben und kommunistisch zubereiteten Fladenbroten, mussten ihren Betrieb schon einstellen, da sie diesem Ansturm von Leuten, bei diesem Wetter nicht gewachsen waren. Ralf blickte sich immer wieder nach allerlei zwielichtigen Gestalten um, und versuchte herauszufinden, ob es sich bei dem ein oder anderen darunter, vielleicht um den möglichen Fahrraddieb handeln könne.
Rudi, Eddie und Claudia waren zwischenzeitlich zu einer Dreiergruppe vereint und Pascal und Georg hatten sich anderswohin abgesetzt. Nur Wolli stand noch neben ihnen und war heute scheinbar in Geberlaune. Er brach nun schon zum fünften Male auf, um alle mit Bier zu versorgen, dass immer noch von Stand zu Stand in verschiedenen Temperaturrichtungen ausgeschenkt wurde. Andrea hatte Ralf nebenher auch einige ihrer Bekannten aus dem Theater vorgestellt, die hier von Zeit zu Zeit vorbeikamen. Es schien so, als wäre wirklich jeder, der in Hannover auch nur halbwegs etwas auf sich hielt, heute hier vertreten.
Ralf war überflüssigerweise zwischendurch ein paar Mal rausgegangen, um nach seinem Fahrrad zu schauen. Doch es war ihm eigentlich klar, dass wer auch immer es geklaut hatte, das BAD bestimmt auch nicht vor Mitternacht verließ. Denn die Anzahl von Personen, die aus dem BAD herausgingen, konnte man an einer Hand abzählen, während im Gegenzug vor der Anlage, noch bestimmt dreihundert Menschen hereinkommen wollten. Dabei fragte er sich, wie die überhaupt noch alle dort hinpassen sollten, und machte sich obendrein Sorgen, ob die Veranstalter für diese Menge an Leuten auch genügend Bier vorrätig hielten.
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis er sich wieder seinen Weg zurück durch die Menge zu Andrea und Wolli durchgekämpft hatte, die zwischenzeitlich erneut in völlig neuer Gesellschaft waren.
>>Hey Ralf<<, sagte diesmal Maria und nahm ihn in den Arm >>Das hier ist Marc!<< dabei zog sie an dem Arm von ihrem Freund, der gerade damit beschäftigt war, sich einen Joint zu drehen. Dessen Augen ließen Ralf jedoch vermuten, als hätte er davon heute schon genug gehabt.
>>He, Hallo<<, sagte Marc betont lässig, so als hätte er sich Ton und Gestik aus dem Fernsehen abgeschaut, und stundenlang vor dem Spiegel einstudiert.
>>Mensch Maria, was eine Überraschung!<< sagte Ralf, wobei er Marc nur flüchtig grüßte, denn der war sofort wieder in seine Arbeit abgetaucht. Er freute sich wirklich sie zu sehen, denn nach dem gemeinsamen Essen schien die Welt für beide eine andere zu sein, und die komische Geheimniskrämerei war endlich vorbei. So als gälte es, dies nun auch endgültig zu besiegeln, wollte er ihr schließlich auch Andrea vorstellen, doch die beiden hatten sich, während seiner Abwesenheit, bereits alle untereinander kennengelernt. Anscheinend hatte Wolli Maria vorhin in der Menge erspäht und zu sich und Andrea gerufen. Das aber in Unkenntnis darüber, dass sie ihren Freund dabei hatte. So stand er für eine Weile wie ein falscher Fünfziger da, trank dabei sein Bier und versuchte mal hier und dort ein Wort mit den anderen zu wechseln. Dass Wolli überhaupt immer nur alleine unterwegs war, und man seine Frau und seine Kinder nie zu Gesicht bekam, hatte bisher niemand ernsthaft hinterfragt, es war einfach so. Vielleicht wollte er seinen Kindern ja auch den Anblick seines sozialen Umfeldes ersparen, damit die es "eines Tages mal besser machen", man konnte es ihm nicht verdenken.
Ralf musste dabei automatisch wieder an die Worte seines Sachbearbeiters bei der Bank, in Verbindung mit den alten Leuten, denken. Mit einem Male schrak er kurz auf, denn ihn überkam das Gefühl, genau diesen Moment im Leben schon mal erlebt zu haben. Den Gedanken daran noch nicht beendet, wusste er sogar, was nun als Nächstes geschah und drehte sich um. Dort stand, einige Meter von ihm entfernt, tatsächlich sein Kundenberater und unterhielt sich mit einigen anderen Leuten. Dass er ihn überhaupt ohne Schlips und  Anzug, noch dazu in seinen legeren Freizeitklamotten wiedererkannt hatte, war allein schon aufgrund seines schlechten Gesichtsgedächtnisses erstaunlich genug. Er bleib für einen Moment wie angewurzelt stehen, um sich über das soeben erlebte Deja vú zu wundern. Dabei fragte er sich, ob nicht vielleicht bereits der Alkohol hier seine treuen Dienste bei der Vernebelung seiner Gedanken beitrug. Zwar hätte ihn jetzt auch noch interessiert, was ausgerechnet der hier auf diesem Fest verloren hat, doch da er auch sonst nie außerhalb der Bank mit ihm etwas zu tun gehabt hatte, hielt Ralf es für unangebracht, ihn jetzt einfach so anzusprechen. Wahrscheinlich waren Dutzende der hier Anwesenden seine Kunden, was solle man sich da schon zu sagen haben, außerdem sollte man berufliches und "pirates" auch zu Trennen wissen.
>>Und? Ist dein Rad noch da?<< holte Wolli ihn schließlich aus seiner verwirrten Traumwelt ab. Er zuckte kurz zusammen, wandte seinen Blick wieder von dem entfernten Bekannten ab und vergaß sofort das soeben erlebte.
>>Ja, alles klar<<, sagte Ralf, schüttelte sich kurz, und erzählte gleich im Anschluss Maria, dass sein gestohlenes Rad vor der Tür stand, und er es mit Eddies Schloss vorerst gesichert habe.
>>Wow, ist ja echt irre!<< sagte sie, und stieß mit ihm auf diese gute Nachricht an. Marc hatte sich inzwischen seinen Joint angezündet und reichte ihn Andrea, die aber nur den Kopf schüttelte. Überhaupt war Andrea irgendwie anders als noch vor einer halben Stunde. Ralf nahm sie in den Arm, doch sie wirkte ziemlich gereizt. Als wenige Minuten später auch noch Eddie, der mittlerweile Claudia im Arm hielt, zusammen mit Rudi wieder in dem Kreis erschien, löste Andrea sich aus Ralfs Umarmung, und verschwand mit der Bemerkung, dass sie aufs Klo müsse.
>>He, schaut mal, wen Rudi hier mit angeschleppt hat<<, sagte Eddie und zeigte auf einen Typen mit knallbunter, durchlöcherter Batikjeans, und einem indischen Hemd, der Ralf nicht unangenehm bekannt vorkam. Mit seinem Bier in der Hand erfreute sich der Neuzugang gleich, des ihm von Marc gereichten Joints. Er nahm davon einen ziemlich langen, tiefen Zug und hustete danach wie ein Berserker, wobei er sein halbes Bier auf Wollis schwarzer Lederhose verschüttete.
>>Ja, klasse Auftritt. Ist das nicht ... ist das nicht ...<<, Ralf wollte der Name zu dem Gesicht partout nicht einfallen.
>>Das ist mein Freund André<<, sagte Rudi >>Vielleicht hast du ihn schon mal gesehen. Er ist der Sänger von KING CURRY. Nein, genauer gesagt, er ist KING CURRY<<
Ralf schaute sich diesen André im Halbdunkeln noch mal genauer an. Sein Gedächtnis für Gesichter war trotz seiner kürzlichen Erfahrung, immer noch nicht das Beste und er verbuchte das Deja vú mit seinem Bankberater, als die berühmte Ausnahme von der Regel. Doch schließlich erkannte er den Typen wieder, den er vor einigen Wochen abends in der GLOCKSEE auf der Bühne hatte ausflippen sehen. An dem Abend, wo er auch Andrea kennenlernte.
>>Hallo Leute!<< sagte André und schwappte mit seinem Bier prostend in die Runde. Er schien bereits gut abgefüllt, ganz so, wie es das Klischee von angehenden Rockstars in diesem Alter verlangte. Er schien ein netter Kerl zu sein, der überall dort, wo er ankam, gleich alle Leute durch sein schrilles Outfit faszinierte.
>>Ihr seid also alle so Dachausbauvögel, was?<< lallte er >>Find ich gut, find ich echt gut. Hab' ich auch mal ein paar Jahre gemacht. Jetzt bau ich auf der Messe rum. Ist auch gut!<< dabei lachte er wieder und schien sich rundum wohlzufühlen.
>>Woher kennst du den denn?<< fragte Ralf.
>>Keine Ahnung? He André, woher kennen wir uns?<< fragte ihn Rudi.
>>Dich kennen?<< grinste er über das ganze Gesicht >>Ich kenn' dich doch gar nicht!<<
Dabei trank er sein Bier aus, und obwohl Marc gerade den letzten Teil des Joints vernichtete, schien es immer noch einen kleinen Rest daran zu geben, an dem sich der King unbedingt noch die Finger und die Lippen verbrennen wollte.
>>Wow, Leute, geile Party hier<<, sagte er, und war am heutigen Abend offenbar geneigt, seinen Kopf mit allem, was Spaß machte, einmal gründlich Kiel zu holen.
>>Ja, spielt ihr etwa heute auch noch hier?<< fragte Ralf, wobei er sich schon überlegte, wie der King das in seinem Zustand noch hätte hinkriegen sollen.
>>Nee!<<, sagte er und grinste >>Nee … wir spielen hier heute nicht<<, dabei wühlte er in seiner Hose nach irgendetwas, was sich kurze Zeit später als so was wie ein Tourneeplan herausstellen sollte.
>>In zwei Wochen im CHEZ HEINZ spielen wir<<
>>Ok, bin dabei<<, sagte Ralf und auch Eddie raunte zustimmend, um sich aber gleich weiter in seinen Flirt mit Claudia zu stürzen. Ralf betrachtete ihn argwöhnisch, weil er sich überhaupt nicht vorstellen konnte, was das zwischen Eddie und Claudia denn nun eigentlich werden sollte.
Claudia schien die Gelegenheit kurze Zeit später für günstig zu halten, sich nun auch einmal Ralf zuzuwenden. Vielleicht weil Andrea gerade nicht in Sichtweite war, und auch Eddie soeben loszog, neues Bier zu besorgen.
>>Hey Ralf<<, sagte sie, ganz wie in alten Zeiten.
>>Ja, hi Claudia<<
>>Dir scheint es ja wieder ganz gut zu gehen, was?<<
>>Wer hat gesagt, dass es mir jemals schlecht ging?<<
Sie merkte, dass Ralf nicht sonderlich scharf darauf war, sich hier und jetzt mit ihr zu unterhalten.
>>Naja, ich mein, das ist ja jetzt auch schon bald zwei Jahre her. Ich denke, da kann man mal wieder was miteinander reden, oder nicht?<<
Ralf war aber gerade weder in der Stimmung dazu, noch verspürte er überhaupt ein Verlangen danach, sich mit ihr zu unterhalten. Ihm war es im Moment viel wichtiger, wo Andrea die ganze Zeit über abgeblieben war.
>>Ja<<, sagte er >>Aber über was wollen wir denn noch reden?<<
>>Hmm … ich denke, da gibt es schon noch eine ganze Menge. Zum Beispiel würde ich gerne mal erfahren, was du so machst und wie es dir so geht<<
>>Das kann dir doch auch Eddie erzählen<<
>>Ja, aber ich will es von dir hören!<<
Ihr schien es wirklich ernst zu sein, aber Ralf hatte innerlich schon lange mit ihr abgeschlossen.
>>Sorry, aber da gibt es nicht viel zu erzählen, Claudia<<, sagte Ralf >>Ich kann mir auch nicht vorstellen, dir noch mal was von mir zu erzählen. Ich mein, was denkst du dir?<<
Ralf nahm einen tiefen Schluck aus seinem Plastikbecher >>Denkst du, du tanzt hier einfach so mir nichts dir nichts an, und alle sind ja so nett und lustig und da ist auch noch Ralf, den kann man bestimmt auch mal wieder nach ein paar Jahren vollquatschen?<< er begann sich dabei aufzuregen, obwohl er dies gar nicht vorhatte. Er wollte eigentlich gerade nur seine Ruhe haben und schaute sich unruhig nach Andrea um, die schon viel zu lange weg war. So lange, dass die Schlange vor dem Klo, mindestens bis zum Äquator hätte reichen müssen, um dies zeitlich halbwegs erklärbar zu machen.
>>Ach Ralf, werd' doch mal erwachsen!<< sagte Claudia, nun bereits etwas resignierter >>Da kann man ja mit dem Abstand der Zeit auch mal wieder anders drüber denken. Meinst du etwa nicht?<<
>>Ja, klar kann man das. Aber ich möchte nicht! Und selbst wenn, worüber willst du denn mit mir reden? Über das Wetter? Über die Leute hier? Wozu?<<
Als er merkte, dass Claudia traurig wurde, bei dem was er sagte, tat es ihm im selben Moment auch schon wieder Leid. Aber er hatte das Gespräch ja nun auch nicht angefangen und schließlich hat es sie damals ja auch nicht gekümmert, als er traurig war. Und den Spruch, dass er endlich mal erwachsen werden solle, würde er sich bestenfalls von Maria gefallen lassen, nicht aber von Claudia, ja vielleicht nicht einmal von Andrea. Das war überhaupt schon alles wieder viel zu viel durcheinander hier, und er wünschte sich, dass Eddie nun bald wiederkommen würde, oder Andrea, Hauptsache irgendeiner.
Nach einer Schweigepause mit Claudia, die schon wieder solange andauerte, dass er befürchtete, dass einer von beiden wieder etwas hätte sagen müssen, schien das Schicksal es gut mit ihm zu meinen. Eddie und Andrea kamen zusammen, jeweils mit Bier für die gesamte Mannschaft in den Händen, aus der Menge zurück. Für eine Weile brach wieder eine allgemeine Heiterkeit aus, und alle stießen gemeinsam mit ihren Plastikbechern an.
Ralf war trotz der sich gerade wieder entfaltenden guten Stimmung ziemlich verwirrt. Einerseits wusste er immer noch nicht, was genau nun mit Andrea los sei, die immer noch nicht zu ihrer vorherigen Tagesform zurückgefunden hatte. Andererseits standen derzeit gerade drei Frauen um ihn herum, mit denen er mal was hatte, beziehungsweise hat. Denn zwischenzeitlich waren auch Maria und Marc wieder zu ihnen gestoßen. Während er sich daraufhin ein wenig mit Maria unterhielt, versuchte Marc offensichtlich, mit Andrea ins Gespräch zu kommen. Die aber wollte das anscheinend überhaupt nicht, und gab Ralf durch ihr Verhalten zu verstehen, dass sie sich gerne mit ihm einmal von der Gruppe absetzen wollte.

>>Was ist denn mit dir los?<< fragte Ralf, als sie einige Zeit später einen der wenigen freien Plätze im dunkeln der Liegewiese, gefunden hatten. Andrea ließ sich in seine Arme fallen und begann zu weinen. Ralf war ein schlechter Tröster, dachte er, und so blieb er erst einmal ruhig und strich ihr lange Zeit durch das Haar.
>>Es ist wegen Marc<<, sagte sie schließlich >>Marc ist mein Ex!<<
Darin dass Hannover klein ist, waren sich in seinem Freundeskreis wohl alle einig. Selbst in den städtischen Reiseführern las man mittlerweile Warnhinweise, welche einen auf die Gefahr aufmerksam machten, dass es in dieser Stadt möglich ist, ihren Einwohnern gleichzeitig an verschiedenen Stellen der Stadt parallel zu begegnen. Darunter sind dann meist einige Rufnummern von psychischen Notaufnahmeeinrichtungen vermerkt, falls man als Fremder mit dieser Überforderung nicht klar kommt. Doch dass die Leute, die er darin kannte, so eng um ihn herum miteinander verknüpft waren, war selbst ihm langsam unheimlich. Zwangsläufig musste er dabei wieder an seinen Nachbarn denken, den er mal in Istanbul begegnet war.
>>Sagtest du nicht, er sei ein Arschloch?<< fragte Ralf.
>>Ja, ist er auch. Das kann ich dir sogar nochmal sagen!<<
Ralf war gerade ganz mulmig bei dem Gedanken, dass nun jemand mit Maria zusammen war, den sie bestimmt nicht verdient hatte, und sie dies nur noch nicht herausgefunden hatte. Für einen Moment überlegte er noch, ob es sogar Maria selbst war, mit der Marc damals Andrea hintergangen hatte. Aber das konnte er nach einigen Überlegungen, zeitlich und räumlich ausschließen. Viel wichtiger als alle seine Überlegungen war es ihm im Moment aber, Andrea wieder auf die Beine zu kriegen.
>>Und nun? Willst du jetzt lieber nach Hause oder was?<<
>>Nein, natürlich nicht!<< sagte sie, und richtete sich auf >>Es ist halt nur so, weißt du …<<, sie machte eine Pause um ihr Bier zu trinken >>… ich habe nicht sonderlich viel Lust dazu, ihn zu sehen, und schon gar nicht hier und jetzt! Und nun springt er da mit deiner Nachbarin durch das Bett und ist somit wieder in meinem unmittelbaren Umfeld. Ich will den am liebsten überhaupt nicht mehr sehen! Verstehst du das?<<
Ralf verstand sehr gut. Aus einem ähnlichen Grund, hatte er auch vor einigen Minuten keine Lust gehabt, sich mit Claudia zu unterhalten. Die Geschichte mit Claudia kannte Andrea zwar schon von ihm, doch dass es sich hierbei um die Claudia handelte, war sogar ihr neu.
>>Ist nicht dein Ernst, was?<< fragte sie erstaunt, als er es ihr erzählte.
>>Doch! Wegen der bin ich damals nach Hannover gekommen und jetzt versucht Eddie sich scheinbar an sie ranzumachen<<
>>Na toll, scheinbar sind wir ja heute in allerbester Gesellschaft, was?<<
>>Ja<<, sagte Ralf, der sich über das nahezu identische Schicksal von ihm und Andrea gerade wunderte >>Vielleicht sollten wir darauf einfach mal anstoßen, und die Dinge auf sich beruhen lassen und einfach wieder rübergehen?!<<
>>Ja, du hast Recht<<, sagte Andrea und sie stießen mit ihren Plastikbechern an und gingen, über den Umweg an den Bierbuden vorbei, wieder zurück zu den anderen.
>>Hier, Bier für alle!<< sagte Ralf, als er mit Andrea wieder zurück kam.
>>Hey, Super!<< sagte Wolli und für KING CURRY, der zwar eigentlich nur zufällig mit hier herum stand, war es fast selbstverständlich, dass auch er ein Bier abbekam.
>>Cool!<< sagte er >>Danke!<< und nahm dabei einen großen Schluck, bei dem die Hälfte am Mund vorbei auf sein Hemd floss.
>>Was schleppst du da eigentlich dauernd mit dir rum?<< wollte er schließlich wissen und zeigte auf den riesigen Bolzenschneider, den Ralf nun schon die ganze Zeit mit sich herumtrug und der ihm zunehmend lästig wurde >>Wollt ihr hier heute noch Fahrräder klauen, oder was habt ihr vor?<<
>>Nein<< sagte Ralf und versuchte ihm in wenigen Worten die ganze Geschichte verständlich zu machen. Doch der King war bereits derart benebelt, dass er nur grinsend zuhörte, aber offenbar nicht mehr richtig folgen konnte. Ähnlich wie Ralf, als der sich in der GLOCKSEE sämtliche Reisetipps von Bernd über Kuba angehört hatte.

Ralf schaute sich danach eine Weile das Geschehen zwischen Maria und Marc an. Er überlegte, ob er ihr irgendwann vielleicht einmal erzählen sollte, was er von Andrea über Marc wusste. Doch da er ja selbst die Ansicht vertrat, nicht allzu viel auf das zu geben, was andere über Leute erzählen, verdrängte er den Gedanken auch gleich wieder. Maria machte indes keinen wirklich entspannten Eindruck. Fast hätte man meinen können, dass Marc sie mit den ganzen Joints, die er sich über den gesamten Abend hin zum antörnen baute, sie damit ziemlich abtörnte. Doch darüber, oder was Marc ihr vielleicht auch schon über Andrea erzählt haben könnte, wollte er gerade nicht nachdenken. Er wollte den Moment hier genießen, und noch den Rest des Abends seinen Spaß haben. Immerhin müsse er sich ja nachher noch um sein Fahrrad kümmern.

>>He Leute<<, sagte André irgendwann >>Da drinnen spielt jetzt 'ne Band, das sind Freunde von mir. Die schau ich mir an. Wollt ihr nicht mitkommen?<<
Sie hatten hier nun auch schon fast wieder zwei Stunden gestanden, und so erwies sich dieser Vorschlag für einige als eine willkommene Abwechslung. Wolli und Rudi folgten dem King in Richtung des Zirkuszeltes und Claudia und Eddie versprachen bald hinterherzukommen.
>>Wir müssen uns nur nachher noch irgendwie wegen dem Rad verständigen Eddie<<, sagte Ralf. Eddie schien dies zwischenzeitlich wieder völlig vergessen zu haben und meinte, dass er ja zur Not immer noch über sein Funktelefon erreichbar sei. Kurze Zeit später gingen die beiden auch los, um sich die Band anzuschauen und trotz des Lärms um sie herum, herrschte unter den verbleibenden vier eine komische Stille.
Doch die beiden Frauen waren ihren männlichen Kollegen weit voraus, und hatten offensichtlich keine Lust darauf, schlechte Stimmung aufkommen zu lassen. Sie begannen sich untereinander zu beschnuppern und stellten dabei schnell fest, dass sie nicht nur am selben Tag Geburtstag hatten, wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung. Ralf hörte, dass es dabei ab und zu auch um ihn ging und natürlich auch um seine damalige, wie heutige Beziehung zu den beiden, wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung. Manches das sie sich erzählten, flüsterten sie sich sogar nur zu, wie alte Freundinnen es tun, und er war ganz froh darüber, dass sie sich dabei scheinbar gut verstanden.

Ralf schnorrte sich aus Andreas Jacke eine Zigarette, zündete sie an und versuchte so, das Schweigen zwischen ihm und Marc zumindest zeitlich zu überbrücken. Der war inzwischen schon wieder mit dem Basteln eines Joints beschäftigt. Ralf konnte ihn sich dabei gut in der Gesellschaft des Studenten vorstellen, der sich seinerzeit bei ihm in der Albertstraße über den Wasserfleck an der Decke beschwert hatte. Marc hatte einige südländische Züge, die vermuten ließen, dass seine Eltern irgendwo aus dem Vorderen Orient stammten. Es machte auf Ralf den Eindruck, dass es der Typ Mann war, auf den unheimlich viele Frauen standen. Doch gleichzeitig war er in seinen Augen auch nicht der Typ, dem er bedenkenlos einen Gebrauchtwagen abgekauft hätte. Dennoch war er nicht unsympathisch, Ralf wusste ihn nicht richtig einzuordnen.
>>Und was machst du so?<< versuchte Ralf irgendwie belanglos mit ihm ins Gespräch zu kommen.
>>Computer<<, sagte er >>Ich verkaufe und repariere Computer<<
>>Ach, du meinst die Dinger, mit Tastatur und Bildschirm und so? Die ständig kaputt sind?<<
>>Ja<<, sagte er >>Genau die, wieso? Hast du auch einen?<<
>>Ja, irgend so ein Teil. Hat mich mal ein Vermögen gekostet, nur weil man mir mal gesagt hatte, dass Schreibmaschinen jetzt out seien<<
>>Na das sind sie auch. Mit Computern geht das jetzt alles einfacher<<
>>Ach ja? Komisch. Ich kam mit meiner Schreibmaschine früher immer ganz gut klar. Seit ich dieses Teil habe und natürlich den Drucker dazu, muss ich immer alles mehrfach ausdrucken, bis es denn mal so ist, wie ich es haben will<<
>>WYSYWYG<< sagte Marc.
>>Was?<<
>>Dein Rechner arbeitet nicht nach den WYSYWYG -Standard. Arbeitest du etwa noch mit DOS?<<
>>Was? Wovon redest du?<<
Marc kramte in seiner Tasche nach Feuer und zündete sich seinen Joint an, den er zugleich Ralf anbot. Ralf schüttelte den Kopf.
>> WYSYWYG heist „What you see is what you get“. Also wenn du auf deinem Computer ein Bild hast von dem, was du drucken willst und es aus dem Drucker auch genau so rauskommen soll<<
<<Das wüsste ich aber<<, sagte Ralf >>Aber ganz bestimmt nicht bei meinem!<<
>>Hmm … ich kann ihn mir ja mal anschauen, wenn ich im Haus bin. Vielleicht kann ich dir ja da was zu sagen<<
Ralf kam sich technisch wieder völlig hinter dem Mond vor. Daran hatte auch der Besitz seines Funktelefons nicht viel geändert. Er wusste nicht, ob er dieses Angebot annehmen sollte. Eigentlich basierte alles, was er bisher von Marc wusste nur auf dem, was Andrea und Maria ihm erzählt hatten. Da waren die Aussagen extrem widersprüchlich. Letztlich wäre es vielleicht am besten, sich auf diese Weise, selbst ein Bild von ihm zu machen.
>>Ja, warum nicht?!<< sagte Ralf, und sammelte nun, zum wievielten Male wusste er nicht, wieder alle Plastikbecher ein und besorgte frisches Bier.
Sie standen alle noch eine Weile miteinander herum und unterhielten sich. Ab und an liefen wieder ein paar von Andreas Bekannten vorbei, und irgendwo in der Menschenmenge hatte Ralf einmal Eddie und Claudia erblickt, die zwischenzeitlich beim Knutschen angekommen waren.

Es war kurz vor Zwölf Uhr abends, als einer der Betreiber des heutigen Maispektakels ans Mikrophon trat. Er verkündete, dass sie nunmehr leider keine weitere Musik mehr im Außenbereich machen dürften, da sie sonst Ärger mit den Bewohnern auf der anderen Seite des Schnellweges bekämen, der direkt hinter dem BAD lag.
>>Das ist ja mal wieder typisch<<, sagte Ralf >>Da sitzen diese Armleuchter in ihren Hochhäusern und hören von morgens bis abends den Krach der fahrenden Autos. Aber wenn mal einer Musik andreht, beschweren sie sich gleich wegen ruhestörendem Lärm<<, er stellte sich dabei vor, dass jenseits des Schnellweges nur ältere Leute wohnten, die den ganzen Tag wie die Mieter unter ihm, in ihren Fenstern hingen, und der Lärm des Autoverkehrs, in ihren Ohren wie idyllisches Meeresrauschen klang.
>>Ja<<, sagte Wolli, der mittlerweile auch wieder zu der kleinen Gruppe gestoßen war >>Alles Arschlöcher!<< dabei nickte er Ralf bestätigend zu, und sie tranken ihre Becher gemeinsam auf Ex leer.
>>Tja, was nun?<< fragte Ralf >>Wir können uns jetzt in der Nähe des Eingangs hinsetzen und warten, bis der Typ kommt das Rad zu holen, oder wir bleiben noch hier. Was meint ihr Leute?<<
>>Keine Ahnung<<, sagte Wolli >>Da musst du Eddie fragen. Ich werde gleich auf jeden Fall mal abhauen. Morgen ist Familientag und da muss ich ein bisschen vorher schlafen<<
>>Wo ist Eddie überhaupt?<< fragte Ralf und schaute in die Richtung, wo er ihn zuletzt mit Claudia herumfummelnder weise gesehen hatte.
>>Weiß nicht, ruf ihn doch einfach an<< und Ralf versuchte daraufhin mehrmals, ihn über das Funktelefon zu erreichen.
>>Geht nicht dran der Idiot<<, sagte er schließlich und gab es irgendwann auf.

Gegen halb zwei verabschiedeten sich Maria und Marc. Maria nahm Ralf noch einmal in dem Arm und diesmal war es so, als wäre dies eine letzte zärtliche Umarmung gewesen, die noch Mal an vergangene Zeiten erinnern sollte. Es war ein wenig melancholisch, doch befreiend zugleich.
>>Hey, da kommen wir ja gerade richtig<<, sagte Eddie, der zusammen mit Claudia, in die Abschiedszeremonie hereinplatze.
Dem „wir“ in Eddies Satz entnahm Ralf bereits einen gewissen Fortschritt in der Eddie-Claudia-Beziehung. Ansonsten redete Eddie meist nur von sich in der ersten Person, doch vielleicht maß er dieser Äußerung auch nur zu viel Bedeutung bei.
>>Ja, gut dass du kommst<<, sagte Ralf >>Wir wollten uns auch mal langsam auf den Weg machen. Draußen steht ja noch das Fahrrad<<
>>Ach ja, das Fahrrad! Hatte ich ganz vergessen. Oh Mann!<< Eddie kratzte sich verlegen am Kopf, so als hätte er jetzt am allerwenigsten Lust, noch stundenlang darauf zu warten, dass jemand Ralfs Fahrrad versucht abzuholen. Scheinbar hatten er und Claudia auch gerade Besseres vor.
>>Willst du da wirklich auf den Typen warten, oder reicht es nicht, wenn wir einfach das Schloss knacken und abhauen?<< fragte er. Andrea, die auch schon ziemlich müde und betrunken wirkte, nickte dabei zustimmend und zündete sich eine Zigarette an. Das war wohl als Zeichen zu deuten, dass es mit der Jagd auf den Fahrraddieb nichts mehr werden würde, dachte Ralf. Zu der fortgeschrittenen Stunde war das selbst ihm ganz recht, denn auch er wollte möglichst schnell ins Bett. Andererseits hätte er schon gerne den Typen zu fassen bekommen, um ihn zumindest zur Rede zu stellen.
>>Ja nun<<, lenkte er ein >>Lass' uns einfach das Schloss aufbrechen und dann verschwinden. Aber vorher sollten wir noch ein Bier trinken. Was ist mit dir Wolli?<< Wolli wollte sich gerade aufmachen, doch einem weiteren Bier schien er nicht abgeneigt zu sein.

... Ende der Romanvorschau

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