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Vorsicht Baustelle!

Eddie und Ralf fuhren mit dem Rad zur Albertstraße. Eddie wohnte hier in Linden und Ralf nicht weit davon entfernt, in der Calenberger Neustadt. Da wäre es quatsch gewesen, die paar Meter mit dem Auto zu fahren. Klaus dagegen wohnte in der Uni-Gegend in Herrenhausen und kam immer mit seinem alten Mercedes Kombi angereist. Letztlich aber auch deswegen, weil er in diesem Straßenschiff jede Menge Werkzeug und Elektrokrempel mit sich herumschleppte. Als sie beide vor der Albertstraße ankamen, wurde ihnen schnell klar, dass Wolli mal wieder Mist erzählt hatte. Vor ihnen lag eine mannshohe Sanddüne und versperrte den halben Fußweg.
>>Was ist das denn für ein Scheiß?!<< sagte Eddie >>Wer soll denn den ganzen Sand vermauern? Das ist ja viel zu viel!<<
Ralf kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Der Strand sollte eigentlich unter dem Asphalt aufzufinden sein und nicht darüber, dachte er kurz.
>>Das sind mindestens zwei Kubikmeter!<< ärgerte sich Eddie weiter >>Das soll Wolli mal schön alleine hoch schleppen!<<
>>Quatsch nicht!<< sagte Ralf, ebenso genervt von der ungeheuren Sandmenge >>Du weißt doch, dass das wieder an uns hängen bleibt. Wolli schleppt doch keinen Sand<<
>>Schon klar! Er erzählt ja immer was von seinem Rücken, und dass er schon in seinem Leben so viel geschleppt hat. Ist mir aber egal, das ist doch Scheiße so was. So viel Sand! Und wohin damit, wenn wir den da oben gar nicht verbaut kriegen? Sollen wir hier eine Strandbar aufmachen, oder was?<<
Ralf zuckte mit den Achseln. Doch es half alles nichts. Durch Rummeckern kam der Sand auch nicht nach oben und da der langsam stärker werdende Nieselregen dabei war, den Sandhaufen auch noch schwerer zu machen, schob er sein Fahrrad an die Hauswand, schloss es ab und ging zur Haustür.
Der Hausflur war irgendwann in den sechziger Jahren vielleicht das letzte Mal renoviert worden. Auch die Haustür und die Klingelschilder stammten in etwa aus dieser mittelalterlichen Zeit. Die vielen übereinander geklebten Papierschildchen und die herausgedrehten Namensbefestigungen, ließen auf eine hohe Wohnungsfluktuation in den letzten Jahren schließen. Irgendwann hatte sich hinter der Klingelarmatur auch mal so was wie eine Beleuchtung befunden. Der Knopf dafür muss jedoch schon in den Siebzigern, mittels eines Kaugummis auf Ewigkeiten versiegelt worden sein. Die restlichen noch verbliebenen Namen auf der Tafel waren, aufgrund der darunter aufgeweichten Pappe, völlig unleserlich - eine Freude für jeden Postzusteller.

Im Erdgeschoß wohnte eine alte Oma, die Ralf noch nie zu Gesicht zu bekommen hatte. Darüber waren die nächsten beiden Etagen fest in der Hand kurdischer Großfamilien, was sich sowohl an der Betriebsamkeit der Wohnungstüren, als auch an den angenehmen orientalischen Essensdüften bemerkbar machte, die ständig durch den Hausflur waberten. Man wusste allerdings nie, wer von ihnen hier wohnte oder nur als Gast im Hause war, letztlich war es einem aber auch egal. Darüber hatten irgendwelche jungen Leute ihr Quartier bezogen. Studenten vielleicht, können aber auch Drogendealer gewesen sein, das konnte man nicht wissen. Alle Toiletten des Hauses waren hier noch auf den Zwischenetagen eingebaut. Das erklärte zumindest teilweise, warum die Türen hier ohne Unterlass auf- und zugeschlagen wurden. Diese Zusammensetzung passte gut zu dem Hannoveraner Stadtteil. Da war alles in einem Haus vertreten, ein passabler Querschnitt durch die Lindener Bevölkerung.

Die Holztreppe mit den ausgelaufenen Stiegen und dem schon von hunderttausenden Händen abgeschabten Handlauf, endete schließlich im Dachgeschoß. Das Licht ging auf den letzten beiden Etagen nicht mehr und die wenigen Sonnenstrahlen, die aus den verdreckten Hinterhausfenstern eintraten, reichten gerade einmal aus, damit man sich nach oben tasten konnte. Wolli hatte oben eine Baulampe montiert, damit man mehr sehen konnte, aber die konnte man nur von innen anmachen.
Das ganze Haus war im Zuge eines Erbstreites versteigert worden und Wolli hatte die obere Wohnung ergattert. Der Rest sollte nach und nach von den neuen Besitzern renoviert werden. Sonst wäre es auch nicht lohnenswert, die obere Wohnung einer solchen Absteige komplett zu sanieren, während der Rest des Hauses weiter vor sich her gammelt.

Vom Dachgeschoß bis nach unten zog sich ein einziger graubrauner Staubpelz, der von den Renovierungsarbeiten einmal abgesehen, auch aus dem Unvermögen der Einwohner resultierte, ab und an einmal den Hausflur zu reinigen. Wolli hatte zwar gesagt, dass alle zusehen sollten, nicht zu viel Dreck im Hausflur zu machen und vielleicht ab und an mal zu kehren. Aber dabei hatte ihn nie jemand wirklich ernst genommen, er selbst vielleicht am Allerwenigsten.
Als Ralf die Dachwohnung aufschloss, kam ihm gleich der feuchtmuffige Geruch der Spachtelarbeiten des Vortags entgegen. Die Fenster hatten sie gestern beim Verlassen der Wohnung vergessen zu öffnen und so waren sie alle feucht beschlagen und die Luft stank nach kaltem Mauerwerk und brackigem Putz.
Von unten hörte man, wie jemand die Treppe hochkam, denn sie knarrte auf fast jeder Stufe, wie die Kajütenstiegen eines maroden Schiffs. Das war wohl Klaus. Als sie alle drei zusammen in der Dachwohnung standen, erhitzte auch hier der große Sandhaufen erst einmal die Gemüter.
>>Was für 'n Scheiß habe ich denn da unten gesehen?<< maulte Klaus gleich los, noch bevor er durch die Wohnungstür eintrat.
>>Von den drei Kübeln die Wolli da geparkt hat, haben doch schon zwei einen Riss in der Mitte. Die kenn' ich doch noch aus der Gretchenstraße und da habe ich Wolli schon gesagt, er soll die endlich wegschmeißen und neue holen. Das kostet doch nicht die Welt!<<
>>Ja<<, sagte Eddie >>Da müssen wir dann unten ein Stück Rigipsplatte reinlegen. Das geht dann schon<<
Wie zur Bestätigung holte er aus der Ecke des Raumes, die so was wie die Müllhalde der Baustelle war, ein marodes Stück Gipskarton hervor, dass er gleich in ein passendes Format zusammenbrach.
>>Ja klar!<< sagte Klaus >>Gehen tut das! Aber es ist trotzdem Scheiße<<
Ralf enthielt sich der Diskussion. Fluchen war die Kardinalstugend unter Handwerkern. Diese musste zu jeder Zeit und an jeder Stelle gehegt und gepflegt werden. Da war es egal, ob eine Wand gerade, oder schief gebaut war, die Bauarbeiten schnell oder langsam voran gingen. Hauptsache war es, erst einmal dazu stehen und zu allem und jedem „Scheiße“ zu sagen. In diesem Punkt lagen sie mit der übrigen Handwerkerliga ausnahmsweise einmal auf gleicher Wellenlänge. Wer richtig Fluchen kann, hat schon die Hälfte seines Handwerks gut gelernt. Allerdings wurde das Fluchen in den Handwerkerschulen und Prüfungen nie entsprechend gelehrt oder weitervermittelt, geschweige denn dass es als Prüfungsfach vorkam. Sowas wurde unter dem Schultisch von Handwerker zu Handwerker, und von Generation zu Generation, wie eine Art Geheimwissen weitergegeben. Das muss wohl schon immer so gewesen sein, dachte Ralf, und versuchte mit dem Geklapper einer umher stehenden Schaufel und einem Besen, ein wenig Aktionismus zu verbreiten.

Draußen hatte der Regen mittlerweile eine unangenehme Stärke erreicht, sodass es ratsam war, den Sandhaufen mit einer alten Plastikplane zwischen den Abtransporten provisorisch abzudecken. Ist der Sand erst einmal durchnässt, kann man gleich doppelt so viel Gewicht die vier Stockwerke hochschleppen. Man hatte sich darauf geeinigt, dass im Wechsel immer einer mit dem anderen, die mit Sand halbgefüllten Mörtelkübel nach oben trägt, während bei jedem neuen Transport immer ein anderer unten bleibt und schon mal den nächsten Kübel mit Sand auffüllt. So war alles gerecht verteilt.
Doch kaum wieder unten angekommen war es diesmal Ralf, der mit dem Fluchen begann >>Himmelherrgottsackzement! Sieh sich das einer an!<< schrie er >>Scheiß Töle! Kaum ist man einmal nur fünf Minuten weg, kackt einem schon so ein dämliches Vieh auf den Sandhaufen!<<
In Wahrheit, so wusste er, regte er sich weniger über die Hunde an sich auf. Die konnten schließlich nichts dafür, denn sie mussten ja auch irgendwo ihrem täglichen Geschäft nachkommen. Nein, es waren die Hundebesitzer, die ihm gerade mächtig gegen den Strich gingen. Dass diese es zuließen, ihre Vierbeiner immer gerade auf einen frischen Sandhaufen kacken zu lassen. Was denken die sich? Ob sie es selber gerne sähen, wenn sich inmitten ihrer frisch verputzen Wand in ihren Wohnzimmern, ein dicker Batzen Hundekot versteckt hält? Meist sind das doch genau die Leute, die sonst in allem anderen so pingelig sind und sich genau hier überhaupt keine Gedanken machen. Als ob der Sand hier nur so zum Spaß rumliegt und nur darauf wartet vollgekackt zu werden.
Ralf schaute die Straße auf und ab, ob er vielleicht noch jemanden mit seinem Hund erwischen könnte, den er für diese Sauerei verantwortlich machen könnte. Aber da war niemand mehr und so machte er sich widerwillig daran, mit der Schaufel die Beseitigung des Hundehaufens anzugehen, welcher kurz darauf, durch einem eleganten Spatenschwung, in der Nähe eines am Straßenrand stehenden, kargen Bäumchens landete.

Ralf hatte sich früher in Köln viel in der linksalternativen Szene mit Spaßguerillaaktionen beschäftigt. Zusammen mit seinem Freund Kurt, der seinerseits ein Weggefährte Fritz Teufels gewesen war, verunsicherten sie mit verschiedenerlei Blödsinn und Fälschungsaktionen die Bevölkerung. Er erinnerte sich soeben wieder daran, dass sie einmal in einem Viertel von Köln, welches an Hundekot auf den Straßen und Gehwegen nur so zu ersticken drohte, Plakate mit dem Aufdruck:


„16.Juni, öffentliche Dackelverbrennung auf dem Brüsseler Platz!
Bewohner des belgischen Viertels protestieren gegen die
zunehmende Verschmutzung der Gehwege durch Hundekot“


aufgehängt hatten. Die Plakate erweckten damals den Anschein, dass Geschriebene wirklich in die Tat umsetzen zu wollen und wirkten überaus authentisch. Das verfehlte seine Wirkung natürlich nicht und eine ganze Menge Hundebesitzer schauten sich in diesen Tagen angstvoll auf der Straße um, schrieben Protestbriefe an den KÖLNER STADTANZEIGER und sogar der städtische Tierschutzverein begann, sich gegen die vermeintliche Dackelverbrennung einzusetzen.

An jenem besagten 16. Juni waren wohl alle Hundebesitzer des belgischen Viertels am Brüsseler Platz versammelt, um zu verhindern, was ohnehin nie hätte stattfinden sollen. Aber es war lustig mit anzusehen, was sich daraus entwickelte. Bewohner mit und ohne Hund aus dem Viertel standen herum, diskutierten und redeten miteinander. Auch wenn nie jemand einen Erfolg dieser Aktion messbar hätte nachweisen können, so hatte man doch danach das Gefühl, dass durch diese Art der Sensibilisierung, die Straßen in dem Viertel sauberer geworden waren.
Die Idee war allerdings schon damals nicht ganz so neu. Einen ähnlichen Aufruf hatte in den sechziger Jahren bereits die legendäre Kommune 1 in Berlin gemacht. Damals allerdings als eine Form des Protests gegen den Vietnamkrieg, woraufhin sie beinahe eine Straßenschlacht mit den Gästen einiger Berlinern Kneipen riskierten, die gegen die herzlosen Linken mobil machten.
Mit solchen Gedanken an die bewegte Vergangenheit machte er sich dran, den ersten Mörtelkübel voll zu schaufeln, natürlich nicht, ohne vorher die abgebrochene Gipskartonecke reinzulegen, die Eddie mit runter gebracht hatte.

Die ganze Plackerei zog sich den ganzen Vormittag hin und gegen zwölf Uhr waren nur noch die Kalksandsteine nach oben zu tragen. Nach dem Heraufschleppen der letzten Steine, betrachtete Ralf das erste Mal das Ausmaß der ganzen Aktion, als er in den Flur der Dachwohnung trat. Diese sollte einmal zu der einen Seite Küche und zu der anderen Seite Badezimmer werden, immer jeweils dort, wo Wolli mit roter Signalsprühfarbe auf dem Boden die Position der zu mauernden Wände markiert hatte. So was wie Baupläne gab es natürlich nicht. Es wurde immer nur grob skizziert, wo die Wände in etwa hinkommen. Bei dem ganzen alten Baubestand und den vielen Ecken und Winkeln, war es sowieso kaum möglich, hier eine gescheite Planung zu machen.

Als sämtliches Material endlich den Dachboden erreicht hatte, war es zwischenzeitlich zwölf Uhr geworden. Man hatte zwar nie feste Mittagzeiten, doch es war allen am heutigen Tage noch zu früh dafür und so widmete sich Klaus wieder seinen Elektroleitungen. Eddie fing an, Mörtel aus dem Sand und dem Zement, in einem der großen Eimer mit einer Kelle anzumischen und Ralf hatte noch jede Menge Steinwolle unter die Dachschrägen zu tackern, bevor er sich am Nachmittag daran begeben wollte, die isolierten Flächen mit Gipskartonplatten zu schließen.
Im Hintergrund plärrte das Radio und im Treppenhaus hörte man dauernd das Rein und Raus auf den kurdischen Wohnetagen. Von dort duftete es bis hier nach oben nach irgendetwas frisch zubereiteten aus Fleisch, Tomaten und Minze und ließen bei Ralf wieder Urlaubsträume aufkommen, die ständig jäh, durch das Jucken der umherfliegenden Steinwolle, unterbrochen wurden.

Eddie war inzwischen mit Maurerschnur und Wasserwaage bewaffnet, schon ein gutes Stück an seiner Mauer vorangekommen und von Klaus hörte man nur, hinter einer alten Ziegelwand, ab und an ein paar Flüche, dann war wieder Stille. Draußen hatte der Regen langsam aufgehört und der Himmel klarte ein wenig auf. Dies war umso erfreulicher, da solange noch keine Isolierung zwischen den Dachpfannen und dem Innenraum lag, es im Dachgeschoss ziemlich laut durch das Geprassel des Regens war. Selbst das Radio konnte man nur hören, wenn man es auf volle Lautstärke stellte. Einzig und allein Eddie war ansonsten zu vernehmen, da er ständig diesen Azurro-Ohrwurm von heute Morgen nachpfiff, bis Klaus ihn irgendwann durch einen gezielten Wurf mit einem herumliegenden Lappen zum Schweigen brachte [1].

Überhaupt sah der auszubauende Dachboden noch aus, als wäre der Krieg gerade erst vorbei gewesen. Überall lagen Schutthaufen aus niedergerissenen Lehmziegeln, vermischt mit Span- und Gipskartonresten und alltäglichem Baustellenmüll herum. Daneben existierten noch einige andere Müllberge, welche sich größtenteils aus einer Mischung von Pizzakartons, leeren Plastikbechern und alten Kaffeefiltern zu fragilen Kunstwerken auftürmten. Die Müllbeseitigung war auf den gemeinsamen Baustellen immer ein heikles Thema gewesen, welches sich gerne auch auf den nächsten Tag verschieben ließ, dem in der Regel ja immer ein weiterer folgt und ein weiterer...

In den sich auf etwa siebzig Quadratmeter verteilenden drei Zimmern, waren bis auf wenige Stellen schon überall Spanplatten auf dem Boden verlegt und nur mancherorts war diese noch offen, weil darunter noch Wasserleitungen oder Heizungsrohre verlegt werden mussten. Irgendwo stand eine versiffte alte Kaffeemaschine herum und wenn sie gerade angeworfen wurde, klöterte sie laut vor sich her. Sie war so was wie der Heilige Gral einer jeden Baustelle, ein Licht im Universums des ganzen Schutts und Unrates um sie herum. Irgendwo daneben lag meist eine lieblos aufgerissene Kaffeepackung und eine Tüte Milch, bei der man sich nie sicher sein konnte, ob sie sauer, verschimmelt oder vielleicht sogar doch noch genießbar war. Der Geruchs- und der Geschmackstest waren die einzigen Möglichkeiten, dies im Selbstversuch herauszufinden, allerdings auch die ekligsten. Zur Not gab es ab und an auch Kaffeeweißer. Den mochte zwar niemand, aber schlimmstenfalls ging auch das. Auch die Zuckertüte war immer ein Bestandteil dieser abstrakten Produktzusammenstellung und der klebrige, darin steckende Löffel gehörte mindestens genauso dazu, wie die sich auf der Tüte befindlichen Kaffeeflecken und der leichte Staub, der auf der oberen Zuckerschicht lag und immer erst weggepustet werden musste.

Bei Sonnenlicht sah man in den gebündelten Strahlen, die durch die Dachfenster einfielen, die feinen Fasern der Steinwolle tanzen. Doch heute war von dieser Bauromantik nicht viel zu spüren. Der Himmel war bedeckt und obwohl es gerade einmal nicht regnete, spürte man deutlich die nasskalte Luft, die noch durch alle Ritzen der Dachziegel zog. Es war muffig und kalt und nur solange man mit seiner Arbeit in Bewegung blieb, konnte man es gerade so aushalten.
Da es so was wie eine vorgeschriebene Mittagsruhe hier in diesem Haus nicht zu geben schien - die Kurden beschwerten sich eh nicht, die Studenten waren nicht da und die Oma bekam sowieso nichts mit, arbeiteten sie über die Mittagszeit hinaus, ohne zwischendurch ein Wort gewechselt zu haben.

>>Hey Leute!<< sagte Wolli, der plötzlich in der Eingangstür stand. Kurz hinter ihm kam Elsa die Treppe herauf gestolpert und begann bei allen auf dem Dachboden versammelten, die gleiche Begrüßungszeremonie wie am Morgen.
>>Ah, Wolli! Wie sieht's aus?<< fragte Eddie.
>>Gut Mann, alles super gelaufen! Ich habe die Hütte ersteigert. Das wird euch gefallen<<
>>Hey, Glückwunsch!<< hörte man Klaus hinter der Ziegelwand >>Das muss ich mir dann ja mal bald ansehen, damit ich schon mal wieder Elektrokram bestellen kann<<
>>Ja, keine Hektik<<, sagte Wolli >>Wir können ja später mal alle zusammen rüberfahren. Ich habe die Schlüssel schon. Muss zwar die nächsten Tage noch den Notarkram und so regeln, aber Schlüsselübergabe ist schon gelaufen<<
>>Super<<, sagte Eddie >>Aber erst mal muss ich was essen. Wie sieht's bei euch aus?<<

Das Mittagessen war immer ein Thema, durch welches der ansonsten so harmonische Betriebsalltag empfindlich gestört werden konnte. Man hatte die Wahl zwischen italienischer Pizza oder chinesischem Menü und ab und an, ging man auch mal vor die Tür, um sich beim Griechen ein Gyros oder beim Türken einen Döner zu holen. Das waren eigentlich schon alle Alternativen, so man die Möglichkeit eines gegrillten Hähnchens, einer Currywurst oder einem Hamburger-Menü von McDonald einmal Außen vor ließ. Man saß meist mit den eingepackten Aluschälchen, Papiertüten und Plastikgabeln inmitten des Drecks, wo sich komischerweise immer ein Stuhl oder etwas anderes befand, was als Tisch diente. Irgendwer zog meist für alle anderen los, besorgte den Kram und man setzte sich in die kalten, muffigen Räume und verschlang sein Essen, so gut es irgendwie ging.
>>Ich muss sowieso noch mal los<<, sagte Wolli >>Soll ich was mitbringen?<<
>>Ja<<, sagte Klaus >>Ich glaube, Chinese ist mal wieder fällig<<
>>Was, Chinese?!<< fragte Eddie und kramte dabei in einem der herumliegenden Bauschutthaufen nach einer Speisekarte, die er dort vor ein paar Tagen mal reingeworfen hatte.
>>Hier, der Laden war doch ganz gut. Da gab's chinesische und italienische Küche. Sogar 'ne ganze Palette Salate haben die da<<, winkte Eddie mit der soeben gefundenen Karte.
>>Du meinst den von letzter Woche, wo ich diese mickrige Pizza hatte?<< fragte Klaus >>Das lass' mal, der ist scheiße. Ich sag' dir: Ein Laden wo es chinesische, italienische und deutsche Gerichte gleichzeitig gibt, ist nix. Heißt ja nicht umsonst „ein guter Koch hat wenig Gerichte“<<
>>Klugscheißer!<< tönte Eddie >>Was ist mit dir Ralf?<<
>>Weiß nicht. Mir wär' nach einem Döner. Hatte ich lange nicht mehr<<
>>Ja, auch ok<<, willigte Klaus schnell darauf ein >>Meinetwegen. Ich nehm' eine Türkenpizza<<
>>Türkenpizza?!<< schaute Ralf ihn fragend an >>Türkenpizza? Gehst du auch zum Italiener und sagst „ich hätt' gern 'ne Italienerpizza?“<<
>>Hä, was?!<< fragte Klaus irritiert, als er hinter seiner Wand hervorkam, wo er die ganze Zeit noch mit seinem Elektrokram beschäftigt war >>Wovon redest du?<<
>>Naja, ich meine, man sagt nicht „Türkenpizza“, wenn überhaupt, sagt man „türkische Pizza“. Du kriegst ja nicht den Türken auf die Pizza serviert. Ebenso wenig, wie du einen Italiener bei einer „Italienerpizza“ darauf erhältst<<
>>Aha<<, raunte Klaus und kratzte sich dabei am Hinterkopf, so als hätte man ihm bei irgendwas ertappt, aber er wusste selbst noch nicht genau wobei >>Also ich nähm' dann gerne eine türkische Pizza<<, sagte er, wobei er die letzten beiden Worte deutlich betonte >>Gehst du holen Wolli?<<
>>Ja<<, sagte der >>Und du Eddie?<<
>>Ja, meinetwegen … ich nehme so eine Dönertasche, aber ohne Zwiebeln und mit viel Tsatsiki<<
>>Ja, ich auch mit Tsatsiki<<, sagte Ralf.
>>Ok, türkische Pizza, zwei Döner mit Tsatsiki. Sonst noch was?<<
>>Ja, steht die Kiste Cola noch bei dir im Lieferwagen unten rum?<<
>>Nee<<, sagte Wolli >>Die habe ich eben schon auf halber Treppe mit hochgeschleppt. Steht im dritten Stock. Kannst du ja hochtragen. Mir tat der Rücken weh<<
>>Geht klar<<, sagte Eddie >>Mach ich dann<<
>>Was hat sie eigentlich gekostet? Die neue Wohnung meine ich<<, fragte Ralf.
>>Was?<<
>>Na die neue Wohnung die du eben ersteigert hast. Was kostet so was?<<

... Ende der Romanvorschau

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