image1 image1 image1 image1 image1 image1 image1 image1 image1

Vorwort von King Curry

kingcurryDas Kapitel können Sie auch >>hier<< als PDF herunterladen

Wenn man auf der Bühne steht und auf das Publikum schaut, sieht man vor allen Dingen eins: jede Menge einzelner Geschichten. Ich muss es wissen, ich bin Rockmusiker. Bei jedem Sprung in die Menschenmenge tauche ich ein in ihre Erinnerungen und Träume, bade in ihren Hoffnungen und Erlebnissen und werde sogleich ein Teil davon. Dabei werde ich getragen von Leuten, die mich in gewisser Weise schon mein ganzes Musikerleben begleitet haben und somit auch, seit Anfang der 1990'er Jahre, ein Stück meiner eigenen Geschichte sind.

Blicke ich zurück auf das Jahr 1993, muss ich eine Überlegung voranstellen - was ist Zeit?
Betrachten wir sie in Minuten ... Tagen ... Monaten ... Jahren, begeben wir uns in das Mahlwerk der industriellen Mühlen und werden zwischen ihren gewaltigen Rädern zu Staub zerrieben. Zeit vergeht von einen Moment auf den nächsten und wird genau innerhalb dieses Prozesses unumkehrbar zur Vergangenheit. Die geringste alltägliche Maßeinheit ist hierfür die Sekunde und somit der Teil, den wir Gegenwart nennen. Ein viel zu kurzer Moment, denke ich.
Doch wo steht geschrieben, dass die so sein muss? Sollten wir nicht vielleicht einmal anders darüber nachdenken, wie wir unsere Gegenwart definieren?
Der Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft ist mehr als der Übergang von einer Sekunde zur nächsten. Er kann auch zwischen zwei völlig anderen Ereignissen stattfinden und gibt uns dabei viel mehr Möglichkeiten, ihn mit Inhalten füllen, die uns wichtig sind. Für mich ist es manchmal der Raum zwischen zwei Konzerten, oder auch der zeitliche Abstand zweier Sprünge ins Publikum, völlig egal wann und wo sie stattfanden.
Mein letzter Sprung kann Tage, Wochen Monate zurückliegen,- doch das was bis zum heutigen Tag dazwischen liegt, ist das Leben, ist das "hier und jetzt". Diese Art der Herangehensweise an die Zeit, lässt einen vieles ruhiger betrachten und nabelt einen in gewisser Weise auch los, vom alltäglichen Druck, in dem immer alles schnell, schneller, sofort, oder möglichst noch gestern geschehen soll. Ebenso erlebt man hierbei etwas, das wir offenbar immer mehr in unserem Leben, gegen zweifelhafte Produkte und Ideale bereit sind eintauschen und uns um den Wert dessen, was uns dabei verloren geht, gar nicht mehr bewusst sind - ich nenne es: Freiheit!

1993 war eines der letzten Jahre, in denen man noch viele Dinge unreglementiert und zügellos betreiben konnte, ohne dass man sich einer gegenseitigen Ausspähung, durch Socialmedia und digitaler Totalüberwachung, ausgesetzt sah. Vieles unterlag noch dem eigenen Ermessensspielraum und forderte einem sogar, bei den geforderten Problembewältigungen, einiges an Qualitäten ab. Heute bedienen wir uns sehr luxuriös bereits vorgefertigter Lösungen und Modelle für alles und jeden und verkennen dabei unsere eigene schöpferische Kraft.
Keinesfalls soll jetzt hier der Eindruck entstehen, dass ich gerne diese Zeit zurück hätte, oder dass ich "dass heute" verschmähe. Viel eher trifft es zu, dass ich die Kreativität dieser Zeit, die Lust am Leben und die Vielfalt der individuellen Gedanken aus diesen Tagen, mit in das heutige Leben bringen möchte. Ich kann dies mit meiner Musik, andere tun dies, indem sie Bücher schreiben und wieder andere machen Projekte, sind weiterhin politisch und gesellschaftlich aktiv, oder betreiben eine Bar, in der sich gleichsam Leute von damals, mit denen von heute vermischen. Auch möchte ich nicht in der Vergangenheit verweilen, sondern mir das Gute an ihr bewahren und versuchen, es meinen Mitmenschen mitzuteilen, auch ohne dass sie sich alles "ergooglen" müssen, denn nur so bleibt es auch in Erinnerung und lebt weiter fort.


Sicher hat sich jeder einmal die rhetorische Frage gestellt, was man tun würde, könnte man in der Zeit zurück reisen.
Meist jedoch unterschätzt man dabei die Folgen seines Handelns. Nicht zuletzt auch, weil sie das eigene Denkvermögen bei Weitem übersteigt. Denn ein vielleicht in der Vergan-genheit begangener Fehler, wird nicht allein dadurch rückgängig gemacht, in dem man, wie in einem Computerspiel, einfach an den Punkt der Geschichte zurück kehrt, und ihn ändert. Vielleicht sorgt eben diese Änderung sogar für eine Verstrickung völlig neuer Umstände und wer weiss schon, ob einen dies am Ende wirklich glücklicher machen würde. Mit Sicherheit hätte ich musikalisch andere Wege beschreiten können, wäre vielleicht auch "richtig berühmt" geworden - mag sein ... doch was nützt es, wenn die dadurch zustande gekommene Welttournee ein jähes Ende findet, nur weil ich mich vor einem Gig im Madison Square Garden beim Brunch an einem Hühnerknochen verschlucke und kurze Zeit später daran ersticke? Schließlich konnte ich dieses Ereignis ja nicht voraussehen und somit wäre der gewünschte Weg, schlussendlich der Falsche, vor allen Dingen aber, der kürzere Lebensweg gewesen. Zum Glück ist mir das erspart geblieben, denn ich lebe noch,- allerdings war ich auch noch nie im Madison Square Garden.

Daher ist alles was wir tun oder lassen, früher oder später genau das, was uns als Persönlichkeit ausmacht und wichtig ist. Zumindest solange, wie wir sowohl unsere innere, wie äußere Freiheit dabei bewahrt haben, was nicht immer nur in unserer eigenen Hand liegt. Für Letztere ist es, im Gegensatz zum Jahre 1993, in der heutigen Zeit immer schwerer geworden, denn viele halten "Freiheit" für etwas Selbstverständliches - doch das ist falsch: Sie muss jeden Tag neu erkämpft werden und wir alle müssen uns immer wieder aufs neue fragen, ob die Werte und Ideale, die wir gestern noch vertraten, auch für den heutigen Tag Bestand haben und eventuell auch für den morgigen noch gelten. Alles ist in Bewegung und eben das ist Freiheit - Stillstand ist Lähmung, ist der Verlust an Menschlichkeit und Freude. Vielleicht ist das sogar einer der Gründe, warum die Konzerte von meiner Band und mir immer so ausgelassen und "bewegend" sind (zumindest sagen das manche).

Ich glaube nicht an Bestimmung, denn das widerspräche dem Grundgedanken der Freiheit. Noch viel weniger glaube ich an althergebrachte Lebensweisheiten wie "Jeder ist seines Glückes Schmied". Erzählen sie das einmal einem Menschen, der weder Feuer, einen Hammer, oder ein Dach über den Kopf hat - gerade in den heutigen Tagen. So funktioniert es nicht. Wohl aber haben wir Einfluss auf unser Schicksal, auch wenn vieles dabei von äußeren Umständen bestimmt wird. Das war 1993 so und ist bis heute so geblieben - und daher ist meine Antwort auf die vorangestellte Frage: NICHTS! Ich würde einfach nichts ändern wollen, denn alles ist so gekommen, wie ich es wollte, wäre es anders, wäre ich nicht mehr ich selbst - und das wäre das Schrecklichste.
Wie also umgehen mit der Vergangenheit?
Es macht wenig Sinn, sich in ihr zu suhlen,- wohl aber sie immer in Erinnerung zu behalten und die Erfahrungen daraus in seinen und auch in den Lebensweg anderer einzuflechten. Dabei macht es durchaus Spaß, sich an Einzelheiten und Kleinigkeiten zu erinnern, die man im Laufe der Zeit wieder völlig vergessen hat. Vieles davon habe ich hier in diesem Buch wiedergefunden ... so hatte ich tatsächlich vergessen, dass es beim Fernsehen so etwas wie ein Testbild und einen Sendeschluss gab. Dass wir noch auf Demos gegen die Überwachung und Volkszählung gingen, heute dagegen unsere Daten zu Ramschpreisen an die Industrie verzocken. Oder was für eine Abenteuerreise es bedeutete, damals mit dem Auto nach West-Berlin zu reisen und wie man zu einer Zeit kommunizierte, in der solche Dinge wie Internet und Handy, gerade erst ihren revolutionären Siegeszug antraten ... man hat sich einfach viel zu schnell und viel zu selbstverständlich an alles gewöhnt.
Damals arbeitete ich auf der Messe an einem Stand der mit dem Slogan "Für alle, die immer erreichbar sein wollen" warb - ich erschrak bei dem Gedanken, dass es tatsächlich Menschen gab, die ein Verlangen danach verspürten. Schlimmer noch: Mir wurde ziemlich schnell klar, dass die Botschaft eigentlich war: "Für alle, die immer erreichbar sein müssen". Vieles von dem, was diese Entwicklung mit sich brachte, im guten, wie im schlechten, hätte man aus dieser Erkenntnis heraus bereits ableiten können. Doch es war nicht an mir, hier in die Geschichte der Telekommunikation und deren Werdegang einzugreifen, ich wollte Musik machen und würde ich in der Zeit zurück reisen, würde ich immer noch Musik machen.
Warum sollte ich das also alles noch mal erleben wollen? Ganz einfach: um nochmal diesen unbändigen Spaß zu erleben.

Wer 1993 mit dabei war und noch dazu irgendwann in den 1960'er Jahren geboren worden ist, der konnte noch den Geruch von Freiheit riechen, der nicht mit dem trügerischen Duft des heutigen Verwöhnaromas versetzt war, den man insbesondere gerne in Supermärkten, Großhandelsketten oder Warenhäusern wahrnimmt. Wir waren noch Teil der Geschichte, bei der wir heute nur noch Zuschauer sind,- nicht weil wir es heute nicht mehr können, sondern weil sich viele dazu entschieden haben, im Strom der Zeit, einfach nur mit zu schwimmen.
Beim Blick zurück, sollte man gleichzeitig immer fest im Heute verankert sein und reflektieren, was einem die damaligen Erlebnisse im jetzigen Moment noch sagen, oder auch nicht. Es macht Spaß, sich ab und zu eine Auszeit zu nehmen und diese Dinge mit dem gebührenden Abstand der Zeit zu betrachten und daran auch seine eigene Veränderung wahrzunehmen. Bisweilen hilft es einem sogar, auch wieder den Blick auf das Heutige neu zu justieren und zu schärfen.
Es mag Vorsehung sein, dass der Song "Intro" meiner Debüt-CD "Beyond Good And Evil" mit folgenden Zeilen beginnt:

"I am just a young an poor boy
telling you about my life.
All I do is just what you do
even if you don't believe that's right"

So, als wäre es der Auftakt zu dieser Geschichte gewesen. Das ich am Ende selber Teil dieses Romans geworden bin, ist dennoch eher zufällig geschehen, vielleicht aber auch, weil ich selbst schon ein Stück weit Geschichte bin, doch diese noch lange nicht zu Ende erzählt ist.



André Figula / KING CURRY
Singer & Songwriter
Juli 2017

2020 © dachbodenpiraten  | Impressum / Disclaimer | globbers template